Findok · BFG-Entscheidungen
BFG RV/7106218/2015
Gewerbliche oder nichtselbständige Einkünfte?
geltende FassungBescheidbeschwerde - Einzel - BeschlussRV/7106218/2015vom 18.02.2020Teil 3 von 3
Entscheidung in der vom BMF bzw. BFG anonymisiert veröffentlichten Fassung. Wir ergänzen oder verknüpfen keine personenbezogenen Angaben.
Wortlaut laut Findok
Hingegen ist das Finanzamt im Recht, dass von diesem nicht Jahre später Orte, an denen der Bf gearbeitet hat, aufzusuchen waren. Wenn der Bf betrieblich oder beruflich veranlasste Fahrten behauptet, liegt es an ihm, den Zusammenhang von Fahrten mit der Erwerbstätigkeit so eindeutig darzulegen, dass dies die Behörde nachvollziehen kann. Gleiches gilt für nach Angaben des Bf durch die Erwerbstätigkeit veranlasste Materialeinkäufe, die nicht auf durchlaufende Rechnung (§ 4 Abs. 3 EStG 1988 Satz 2; § 15 Abs. 1 EStG 1988 Satz 3), erfolgt sind.
Freilich fehlt es an einer aktenmäßigen Dokumentation, welche Ausgaben konkret nicht anerkannt worden sind und warum es diesen an einem Zusammenhang mit den jeweiligen Arbeiten des Bf mangle.
Tatsachenvorbringen des Bf
Der Bf hat insbesondere in seinem Vorlageantrag die vom Finanzamt getroffenen Sachverhaltsfeststellungen substantiiert bestritten und gleichzeitig - gemäß § 270 BAO beachtlich - neue Tatsachen vorgebracht.
Dass nach dem Vorbringen des Bf im Vorlageantrag die jeweiligen Arbeiten von der ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH mit deren Kunden im Umfang und Preis alleine ausgehandelt worden seien, das Inkasso durch die ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH erfolgt sei und der Bf einschließlich der "Vorauslagen" sein Geld erst danach von der ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH erhalten haben soll, spricht nicht für eine nichtselbständige Tätigkeit.
Der Bf legt im Vorlageantrag dar, dass die von ihm unterfertigten Rechnungen tatsächlich von der ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH entworfen und ihm mit E-Mail zugesandt worden seien.
Der Bf gibt ferner an, dass der Materialeinkauf im Namen und auf Rechnung der ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH und nicht im eigenen Namen erfolgt sein soll, also das erforderliche Material nicht von ihm bereit gestellt worden sei, und sich die Rechnungen bei ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH befänden.
Der Außenprüfungsbericht führt dagegen aus, der Bf habe angegeben, dass "von ihm getätigte Aufwände von der Auftraggeberin nicht ersetzt" worden seien und vom Bf Materialaufwendungen abgesetzt worden seien, deren betriebliche Veranlassung nicht ersichtlich sei, und der Bf angegeben haben soll, er könne auch "Privatkäufe" steuerlich geltend machen.
Hier ist nicht klar, ob damit gemeint ist, der Bf habe zusätzlich zu dem Materialeinkauf im Namen und auf Rechnung der ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH weiteres Material benötigt, welches er im eigenen Namen und auf eigene Rechnung "privat" für die jeweiligen Projekte besorgt habe, oder ob der Bf zum Ausdruck gebracht hat, Aufwendungen für die eigene Lebensführung steuerlich absetzen zu wollen. Sollte der Bf das Material für die Projekte benötigt haben, ist offen, aus welchen Gründen dieser Materialeinkauf von der ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH nicht getragen worden sein soll.
Der Einkauf von Material im Namen und auf Rechnung der ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH spräche für das Vorliegen eines Dienstverhältnisses, die Bereitstellung von Material durch den Bf für eine gewerbliche Tätigkeit des Bf.
Der Bf behauptet, er habe bei seiner Tätigkeit Arbeitskleidung der ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH tragen müssen, sich als Mitarbeiter der ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH gegenüber den Kunden ausgegeben und habe Mitarbeiter der ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH abzuholen und wieder zurückzubringen gehabt. Er habe sich daher hinsichtlich seiner Arbeitszeit an die Vorgaben der ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH zu halten gehabt.
Schließlich habe der Bf mit von der ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH gestelltem Werkzeug arbeiten müssen. Sein PKW sei von ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH "vorfinanziert" worden.
Der Bf gibt mehrfach an, dass seine "persönliche Anwesenheit erforderlich" und er "zur eigenen Leistungspflicht" gebunden gewesen sei. Er habe die Leistung "SELBST" ausführen müssen. Dies kann als fehlende Vertretungsbefugnis gedeutet werden.
Schließlich wird die Ermittlung der Einkünfte durch die Außenprüfung vom Bf unter anderem dahingehend bestritten, dass zu Unrecht im Namen und auf Rechnung der ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH erfolgte Einkäufe ihm zugerechnet worden seien.
Inhalt der Tätigkeit
Aus den aktenkundigen Rechnungen erschließt sich der tatsächliche Inhalt der Tätigkeit des Bf nicht zur Gänze.
Teilweise werden einfache manuelle Tätigkeiten wie "Spachteln und Streichen mit beigestelltem Material", "Aufbau und Demontage eines Messestands", "Vorbau, Lieferung und Montage von Büromöbel" oder "Keller räumen und entsorgen" angegeben, bei anderen Tätigkeiten ist unklar, etwa was unter "Erzeugung" von Möbeln (komplexe Tischlerarbeiten oder bloß Zusammenbau vorgefertigter Teile, z. B. wie vereinzelt angegeben von "IKEA-Möbeln") oder "Erzeugung, Liefern und Aufbau von Dekowänden sowie Abbau und Entsorgung" zu verstehen ist.
Unklar ist auch, ob der Bf diese Arbeiten jeweils allein oder im Zusammenwirken mit Mitarbeitern der ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH vorgenommen hat und ob der Bf für den Transport beispielsweise von Dekowänden, Küchenteilen und anderen Möbeln sowie - aus den Rechnungen nicht ersichtlich - von Mitarbeitern der ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH seinen eigenen PKW oder ein Fahrzeug der ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH verwendet hat, oder was unter "Drehbetreuung" zu verstehen ist.
Zurückverweisung an die belangte Behörde
Auch wenn die Verwaltungsgerichte grundsätzlich in der Sache selbst zu entscheiden haben (vgl. etwa VwGH 1. 9. 2015, Ro 2014/15/0029), erweist sich im gegenständlichen Fall im Hinblick auf den Umstand, dass noch weitere umfangreiche Ermittlungen erforderlich sind, die Zurückverweisung der Sache an das Finanzamt als zweckmäßig.
Nach der ständigen Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes kommt eine Zurückverweisung der Sache an die Verwaltungsbehörde zur Durchführung notwendiger Ermittlungen insbesondere dann in Betracht, wenn die Verwaltungsbehörde jegliche erforderliche Ermittlungstätigkeit unterlassen hat, wenn sie zur Ermittlung des maßgebenden Sachverhalts lediglich völlig ungeeignete Ermittlungsschritte gesetzt oder bloß ansatzweise ermittelt hat. Gleiches gilt, wenn konkrete Anhaltspunkte annehmen lassen, dass die Verwaltungsbehörde Ermittlungen unterließ, damit diese dann durch das Verwaltungsgericht vorgenommen werden (vgl. für viele etwa VwGH 30. 6. 2015, Ra 2014/03/0054, VwGH 29. 7. 2015, Ra 2015/07/0034; VwGH 4. 8. 2015, Ra 2015/06/0039; VwGH 21. 11. 2019, Ra 2018/10/0090).
Brauchbare Ermittlungsergebnisse, die im Zusammenhalt mit einer allenfalls durchzuführenden mündlichen Verhandlung bloß zu vervollständigen sind (vgl. etwa VwGH 9. 9. 2015, Ra 2014/04/0031 oder VwGH 16. 10. 2015, Ra 2015/08/0042), liegen im gegenständlichen Fall zur Frage, ob die Betätigung des Bf eine solche nach § 23 EStG 1988 oder eine solche nach § 25 EStG 1988 war, nicht vor. Das Finanzamt hat im gegenständlichen Fall den Sachverhalt nicht in einer Weise ermittelt, dass sich hierauf eine Entscheidung des Bundesfinanzgerichts stützen lässt.
Die belangte Behörde wird im weiteren Verfahren den oben dargestellten Beweisanträgen des Bf nachzukommen haben.
Darüber hinaus wird jedenfalls die zeugenschaftliche Einvernahme der Geschäftsführer der ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH, insbesondere von ***[17]*** ***[16]***, sowie allenfalls weiterer Personen, die mit dem Bf bei Projekten der ***[5]*** ***[6]*** ***[7]*** GmbH zusammengearbeitet oder dem Bf konkrete Aufträge erteilt haben, erforderlich sein.
Der Bf hat ferner angegeben, dass die Frage, ob arbeitsrechtlich ein Arbeitsverhältnis vorgelegen sei, Gegenstand eines Prozesses vor dem Arbeits- und Sozialgericht Wien sei. Sollte diese Angabe zutreffend sein, was zu ermitteln wäre, wäre die Beischaffung der Prozessakten geboten und sich allenfalls hieraus ergebende Ansätze für weitere Ermittlungshandlungen zu verfolgen.
Schließlich wäre für den Fall, dass auch nach diesen Ermittlungen auf Grund des Gesamtbilds der Verhältnisse von Einkünften des Bf aus Gewerbebetrieb auszugehen ist, zu klären, ob - wie vom Bf behauptet - vom Bf Arbeiten verrichtet wurden, die keinen Niederschlag in den Rechnungen gefunden haben. Offen ist etwa, wofür die Zahlung von ***[19]*** ***[18]*** vom 16. 11. 2009 über 1.000 € war, ebenso die Zahlung von ***[17]*** ***[16]*** vom 10. 7. 2012 über 1.900 € mit dem Vermerk "Schönen Urlaub" (Urlaubsremuneration?).
In Erinnerung zu rufen ist, dass im Fall einer erforderlichen Schätzung der Besteuerungsgrundlagen gemäß § 184 BAO ein Sicherheitszuschlag zu den Elementen der Schätzung gehört, da dieser bei mangelhaften Aufzeichnungen das Risiko in diesen nicht enthaltener steuerlich relevanter Vorgänge abdecken soll.
Da es nicht Sache des Verwaltungsgerichts ist, anstelle der Verwaltungsbehörde im Ergebnis erstmals ein zweckentsprechendes Ermittlungsverfahren zu führen, ist der angefochtene Bescheid ebenfalls gemäß § 278 BAO aufzuheben und ist die Sache an das Finanzamt zurückzuverweisen.
Dies ist sowohl im Interesse der Raschheit der Entscheidung gelegen als auch mit einer erheblichen Kostenersparnis verbunden, da nach Abschluss der Ermittlungen das Finanzamt entweder von der Erlassung neuer Einkommensteuerbescheide Abstand nehmen (weil die neuerliche Prüfung das Vorliegen einer nichtselbständigen Tätigkeit und das Fehlen eines Veranlagungstatbestands ergeben hat) oder neue Bescheide unter Zugrundelegung der hier dargestellten Rechtsausführungen (etwa in Bezug auf das Vorliegen durchlaufender Posten) erlassen kann.
Im gegenständlichen Fall war einer Zurückverweisung nach § 278 Abs. 1 BAO der Vorrang vor zusätzlichen Ermittlungen durch das Finanzamt gemäß § 269 Abs. 2 BAO zu geben, da der Bf durch die Aufhebung der angefochtenen Bescheide gemäß § 278 BAO während des weiteren Ermittlungsverfahrens nicht mehr mit der Verpflichtung zur Zahlung der bisher vorgeschrieben Abgaben oder dem Risiko der Zahlung von Aussetzungszinsen belastet ist und im Fall des Fehlens eines Veranlagungstatbestands die angefochtenen Bescheide ohnehin (gemäß § 279 BAO) aufzuheben wären.
Verfahrenshilfe
Ein Antrag auf Verfahrenshilfe wird zwar im Vorlageantrag vom 29. 8. 2015 angesprochen, ein solcher ist aber den vom Finanzamt vorgelegten Akten nicht zu entnehmen und wurde auch beim Bundesfinanzgericht ein solcher nicht eingebracht.
Nichtzulassung der Revision
Gegen diese Entscheidung ist gemäß Art. 133 Abs. 9 B-VG i. V. m. Art. 133 Abs. 4 B-VG und § 25a VwGG eine (ordentliche) Revision nicht zulässig, da die hier zu lösenden Rechtsfragen, wie oben näher ausgeführt, durch die Rechtsprechung geklärt sind. Abgesehen davon, dass der Verwaltungsgerichtshof zur Lösung von Tatfragen nicht berufen ist, sind noch Ermittlungen zur Sachverhaltsfeststellung erforderlich.
Wien, am 18. Februar 2020
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Normen und Schlagworte
- § 4 Abs. 2 ASVG, Allgemeines Sozialversicherungsgesetz, BGBl. Nr. 189/1955
- § 47 Abs. 2 EStG 1988, Einkommensteuergesetz 1988, BGBl. Nr. 400/1988
- § 47 Abs. 1 EStG 1988, Einkommensteuergesetz 1988, BGBl. Nr. 400/1988
- § 23 EStG 1988, Einkommensteuergesetz 1988, BGBl. Nr. 400/1988
- § 25 EStG 1988, Einkommensteuergesetz 1988, BGBl. Nr. 400/1988
- § 39 EStG 1988, Einkommensteuergesetz 1988, BGBl. Nr. 400/1988
- § 41 EStG 1988, Einkommensteuergesetz 1988, BGBl. Nr. 400/1988
- § 47 EStG 1988, Einkommensteuergesetz 1988, BGBl. Nr. 400/1988
- § 115 BAO, Bundesabgabenordnung, BGBl. Nr. 194/1961
- § 183 BAO, Bundesabgabenordnung, BGBl. Nr. 194/1961
- § 270 BAO, Bundesabgabenordnung, BGBl. Nr. 194/1961
- § 278 BAO, Bundesabgabenordnung, BGBl. Nr. 194/1961
- § 4 Abs. 3 EStG 1988, Einkommensteuergesetz 1988, BGBl. Nr. 400/1988
- § 15 Abs. 1 EStG 1988, Einkommensteuergesetz 1988, BGBl. Nr. 400/1988
Herkunft
Herkunft dieses Textes
- Bestand
- BFG-Entscheidungen
- Dokumenttyp
- Bescheidbeschwerde - Einzel - Beschluss
- Geschäftszahl
- RV/7106218/2015
- ECLI
- ECLI:AT:BFG:2020:RV.7106218.2015
- Stammnummer
- 127682
- Gültig
- 18.02.2020 bis auf Weiteres
- Stand Bestandsliste
- 25.09.2026 06:13
- Von uns abgerufen
- 26.09.2026
- Quelle
- Findok – Finanzdokumentation des Bundesministeriums für Finanzen
- Lizenz
- CC0 1.0 — gemeinfrei gewidmet vom BMF