Findok · BFG-Entscheidungen
BFG RV/2100884/2020
Antrag auf Wiederaufnahme - keine neuen Tatsachen / Beweismittel
geltende FassungBescheidbeschwerde - Senat - ErkenntnisRV/2100884/2020vom 12.05.2026Teil 1 von 2
Entscheidung in der vom BMF bzw. BFG anonymisiert veröffentlichten Fassung. Wir ergänzen oder verknüpfen keine personenbezogenen Angaben.
Wortlaut laut Findok
IM NAMEN DER REPUBLIK
Das Bundesfinanzgericht hat durch den Senatsvorsitzenden ***V***, den Richter ***R***, sowie die fachkundigen Laienrichter ***LR 1*** und ***LR 2*** in der Beschwerdesache ***Y***, ***Adresse Y***, und ***Z***, ***Adresse Z***, als Erben nach ***X***, vertreten durch ***stV***, ***Adresse stV***, über die Beschwerde vom 25.5.2020 gegen den Bescheid des Finanzamtes Bruck Leoben Mürzzuschlag (nunmehr Finanzamt Österreich) vom 22.4.2020 betreffend Abweisung des Antrages vom 10.12.2019 auf Wiederaufnahme der Verfahren hinsichtlich Einkommensteuer und Umsatzsteuer, jeweils 2013 und 2014, nach Durchführung der mündlichen Verhandlung am 30.4.2026 im Beisein der Schriftführerin ***S*** zu Recht erkannt:
I. Die Beschwerde wird gemäß § 279 BAO als unbegründet abgewiesen.
II. Gegen dieses Erkenntnis ist eine Revision an den Verwaltungsgerichtshof nach Art 133 Abs 4 Bundes-Verfassungsgesetz (B-VG) nicht zulässig.
Entscheidungsgründe
I. Verfahrensgang:
Beim mittlerweile verstorbenen ***X*** fand eine ua die Jahre 2013 und 2014 umfassende Außenprüfung statt, im Zuge derer die Prüfer folgende Feststellung trafen (siehe Tz 1 [Beilage 1] des Außenprüfungsberichtes vom 5.8.2015 [OZ 20 Seite 5]):
"Im Jahr 2013 ist die Finanzverwaltung im Zuge diverser Prüfungshandlungen auf die ***A GmbH*** gestoßen. Unter deren Gesellschafter-Geschäftsführer ***GF*** wurden seit dem Jahr 2011 in dieser Gesellschaft 16 bis 18 Betriebe geführt, zum einen Bordellbetriebe, zum anderen sonstige Gastbetriebe. Im Zuge diverser Erhebungen stellte sich heraus, dass die ***A GmbH*** niemals operativ tätig wurde und die Umsätze bzw Gewinne den einzelnen "Filialleitern" zuzurechnen sind.
Sämtliche "Filialleiter" verloren aus verschiedensten Gründen ihre Gewerbeberechtigung und kamen dann auf das Angebot von ***GF*** zurück, den Betrieb unter der ***A GmbH*** fortzuführen. Nach außen hin traten die "Filialleiter" nach wie vor als Chefin bzw Chef auf. Aufgrund von Befragungen ergab sich, dass ***GF*** den Mitarbeitern großteils unbekannt war.
Es liegen der Finanzverwaltung Aussagen von "Filialleitern" und von ***GF*** vor, welche belegen, dass die Gewinne aus den Lokalen bei den einzelnen "Filialleitern" verblieben sind. ***GF*** verrechnete an die "Filialleiter" monatlich erhebliche Kosten für die Pacht der Gewerbeberechtigung, für die Erledigung diverser steuerlicher Angelegenheiten, für die Abwicklung von An- und Abmeldungen der Mitarbeiter, für die Buchhaltung, für die Lohnverrechnung, usw. Für diese verrechneten Kosten existieren seitens ***GF*** großteils monatlich erstellte Listen. Zwischen einigen "Filialleitern" und ***GF*** bestehen auch schriftliche Vereinbarungen über die Kosten für die Pacht der Gewerbeberechtigung. Aus diesen Vereinbarungen geht auch hervor, dass die Gewinne bei den "Filialleitern" bleiben.
Einige Liegenschaften, in welchen sich die Betriebe befinden, stehen im Eigentum der "Filialleiter". Schriftliche Mietverträge zwischen den Eigentümern und der ***A GmbH*** existieren nicht. Teilweise wurden diese Mieteinnahmen jedoch steuerlich erfasst. Die übrigen "Filialleiter" mieteten die Lokale auf eigenen Namen und zahlten auch die Miete eigenständig ein. Auch hier gibt es zwischen der ***A GmbH*** und den "Filialleitern" keine schriftlichen Vereinbarungen darüber, dass die Miete von der ***A GmbH*** übernommen wurde.
Wird gefragt, wer die Mitarbeiter einstellt, kommt von den "Filialleitern" meist die Antwort "das bin ich". Ebenso verhält es sich mit dem Einkauf, dem Festlegen der Öffnungszeiten, usw. Die meisten "Filialleiter" sind zudem entweder geringfügig oder mit einem sehr niedrigen Monatslohn angestellt. Dienstverträge existieren keine. Ein Zahlungsfluss über die erhaltenen Löhne kann nicht nachgewiesen werden, ebenso nicht für die Löhne an die Mitarbeiter. Es wurden lediglich die monatlichen Lohnzettel unterzeichnet.Für einige "Filialen" existierten Bankkonten. ***GF*** war zwar offiziell bei diesen Bankkonten zeichnungsberechtigt, einen tatsächlichen Zugriff auf diese Bankkonten hatte ***GF*** jedoch nicht. Dieser Umstand wurde auch von der Buchhalterin der ***A GmbH*** bestätigt.
Generell ist zu sagen, dass die Aufzeichnungen, welche in der ***A GmbH*** für die einzelnen "Filialen" vorhanden sind, formell und materiell grobe Mängel aufweisen. Zum einen wird die Barbewegungsverordnung nicht eingehalten. In allen Betrieben werden die Tageslosungen mittels Klopfstreifen von Rechenmaschinen aufgezeichnet. Die meisten der erfassten Eingangsrechnungen lauten auf die "Filialleiter". Oder auf den Namen der "Filiale". Bis Ende 2012 wurden die Ausgaben nicht "filialbezogen" gebucht. Diese Tatsachen berechtigen jedenfalls zu einer Schätzung gem § 184 BAO.
Mittlerweile haben die "Filialleiter" eine eigene Gewerbeberechtigung beantragt oder sind andere Vereinbarungen eingegangen, wenige der "Filialen" haben geschlossen.
Es ist festzuhalten, dass das Konstrukt der ***A GmbH*** bereits unter der ***B GmbH*** geführt wurde.
Für Herrn ***X*** ist festzuhalten:
Das Geschäftsverhältnis zwischen dem Abgabepflichtigen und ***GF*** besteht seit 2006. Dieses Geschäftsverhältnis wurde mit Oktober 2014 beendet.
Herr ***X*** ist Eigentümer folgender Liegenschaften:
***Adresse Bar 1*** (***Bar 1***)
***Adresse Bar 2*** (***Bar 2***)
***Adresse Wohnhaus*** (Wohnhaus für beschäftigte Mitarbeiterinnen)
***Adresse Wohnung X*** (Wohnung des Abgpfl.)
Als Grundlage zur Ermittlung der Bemessungsgrundlagen für die Einkünfte aus Gewerbebetrieb wurden zum einen die bereits erklärten Umsätze, und zum anderen die in der Buchhaltung der ***A GmbH*** bis dato nicht erfassten Kreditkartenumsätze laut vorliegenden Kreditkartenabrechnungen herangezogen.
Betreffend die Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung wird auf die Tz 2 des Prüfberichtes verwiesen.
Die Lohnzettel der ***B GmbH*** und der ***A GmbH*** werden ab 2011 storniert."
Gestützt auf diese Prüfungsfeststellung setzte das Finanzamt mit Bescheiden vom 14.8.2015 die Einkommensteuer und die Umsatzsteuer für die Jahre 2013 und 2014 (erstmals) fest (OZ 25 Seiten 49, 53, 57, 61).
Mit Schreiben vom 13.10.2015 erhob ***X*** durch seinen (damaligen) rechtsanwaltlichen Vertreter innerhalb verlängerter Rechtsmittelfrist das Rechtsmittel der Beschwerde (OZ 26 Seite 1). Begründend wurde im Wesentlichen wie folgt ausgeführt:
Sachverhalt:
***X*** sei Eigentümer der Liegenschaften mit den Adressen ***Adresse Bar 1*** ("***Bar 1***"), ***Adresse Bar 2*** ("***Bar 2***"), ***Adresse Wohnhaus*** und ***Adresse Wohnung X***. Die ***A GmbH*** habe die Betriebe "***Bar 1***" und "***Bar 2***" von ***X*** gepachtet. Diese Betriebe seien als "Filialen" der ***A GmbH*** geführt worden. ***X*** sei bei der ***A GmbH*** angestellt gewesen. Die Bankkontoauszüge des Kontos der ***A GmbH*** befänden sich bei der ***A GmbH***. Auch die übrigen Abrechnungsunterlagen seien regelmäßig der ***A GmbH*** übergeben worden.
Mangelhaftigkeit des Verfahrens:
Das Finanzamt habe die angefochtenen Bescheide nicht bzw mangelhaft begründet. Das Finanzamt stütze seine Bemessungsgrundlage auf die bereits erklärten Umsätze der ***A GmbH*** und zusätzlich auf die Kreditkartenumsätze. ***X*** sei nicht die Möglichkeit eingeräumt worden, diese Daten zu überprüfen. Die Unterlagen seien an die ***A GmbH*** übergeben worden. ***X*** habe keine Einsicht in die Unterlagen gehabt und kenne demnach die von der ***A GmbH*** erklärten Umsätze nicht. Insbesondere sei davon auszugehen, dass Positionen wie Getränke etc bereits in den erklärten Umsätzen enthalten seien und diese Umsätze durch Heranziehung der Kreditkartenabrechnungen nochmals hinzugerechnet worden seien. Das Finanzamt wäre bei einem ordnungsgemäß durchgeführten Ermittlungsverfahren zum Ergebnis gelangt, dass ***X*** im Zeitraum von zumindest 2011 bis 2014 Dienstnehmer der ***A GmbH*** gewesen sei und die Umsätze der ***A GmbH*** zuzurechnen seien.
Zurechnung zur ***A GmbH***:
Subjekt der Umsatzsteuer könne nur die ***A GmbH*** sein. ***X*** habe die Betriebe "***Bar 1***" und "***Bar 2***" an die ***A GmbH*** verpachtet und sei bei der ***A GmbH*** angestellt gewesen. Allein aus der Tatsache, dass ***X*** in den Betrieben tätig gewesen sei, könne nicht abgeleitet werden, dass er vom umsatzsteuerlichen Unternehmerbegriff umfasst sei. Sein Gehalt sei von der ***A GmbH*** ausbezahlt worden. Die (Buchhaltungs-)Unterlagen samt Abrechnungen seien regelmäßig an den Geschäftsführer der ***A GmbH***, ***GF***, übergeben worden. Die Abgaben seien von der ***A GmbH*** ermittelt und abgeführt worden. ***GF*** sei etwa einmal in der Woche bei den einzelnen Betrieben gewesen. Die Umsätze seien daher der ***A GmbH*** zuzurechnen.
Schätzung nach § 184 BAO:
Das Finanzamt nehme die Bemessungsgrundlage pauschal wie folgt an:
- Erklärte Umsätze der ***A GmbH***
- Kreditkartenumsätze der ***A GmbH***
Durch die Zusammenrechnung der erklärten Umsätze und Kreditkartenumsätze sowie die aliquote Aufrechnung für nicht erfasste Monate bei den Kreditkartenumsätzen könne es zu einer Doppel- bzw Mehrfachbesteuerung kommen. Die Berechnungen seien weder schlüssig noch folgerichtig. Die Begründung einer Schätzung habe ua die der Schätzung zugrundeliegenden Sachverhaltsannahmen darzulegen und sich mit den erhobenen Einwendungen auseinanderzusetzen. Dies habe das Finanzamt unterlassen.
Am 13.4.2016 erließ das Finanzamt eine als "Beschwerdevorentscheidung" intendierte händische Erledigung, der es an der Unterschrift eines Organwalters mangelte (OZ 71).
Mit Schreiben vom 10.5.2016 beantragte ***X*** durch seinen rechtsanwaltlichen Vertreter die Vorlage der Beschwerde an das Bundesfinanzgericht (OZ 27 Seite 5), woraufhin das Finanzamt den Beschwerdeakt mit Vorlagebericht vom 12.3.2018 dem Bundesfinanzgericht zur Entscheidung vorlegte (OZ 27 Seite 39).
Mit als "Parteienmitteilung" bezeichnetem Schreiben vom 15.3.2018 teilte das Bundesfinanzgericht den Verfahrensparteien mit, dass es an einer wirksamen Beschwerdevorentscheidung mangle und sich das Bundesfinanzgericht daher nicht als zuständig erachte (OZ 27 Seite 47).
Mit Beschwerdevorentscheidung vom 14.5.2018 wies das Finanzamt die Beschwerde ab (OZ 10). Zu den Beschwerdeeinwänden wurde zusammengefasst wie folgt Stellung bezogen:
Ad Mangelhaftigkeit des Verfahrens:
Im Zuge der bei der ***A GmbH*** durchgeführten Außenprüfung sei deren Geschäftsführer ***GF*** mehrfach niederschriftlich befragt worden. Die Bilanzbuchhalterin ***B*** habe ebenfalls - niederschriftlich festgehalten - Auskunft erteilt. Darüber hinaus seien Niederschriften mit dem Kellner sowie zwei Prostituierten des Bordells "***Bar 2***" aufgenommen worden. Auch ***X*** selbst sei befragt worden. Der Sachverhalt sei bereits im Zuge der bei der ***A GmbH*** durchgeführten Außenprüfung umfangreich ermittelt worden. Die bei ***X*** getroffenen Feststellungen seien eine Folgewirkung dieser Erhebungen. Soweit eine Verletzung des Parteiengehörs gerügt werde, sei zu entgegnen, dass während der Außenprüfung mehrfach Besprechungen mit dem steuerlichen Vertreter stattgefunden hätten. Dem Beschwerdeeinwand, ***X*** habe keine Einsicht in die Unterlagen der ***A GmbH*** erhalten, sei zu entgegnen, dass ***X*** als Einziger vollen Zugriff auf die Bankkonten seiner Betriebe gehabt habe. Zudem habe er die Ein- und Auszahlungen erledigt und alleine Zugriff auf die Kreditkartenabrechnungen gehabt. Er habe die Unterlagen, die in der Buchhaltung der ***A GmbH*** zur Verbuchung gelangt seien, monatlich an ***GF*** ausgehändigt, was bedeute, dass ***X*** sämtliche Unterlagen betreffend seine Betriebe bekannt gewesen seien. Da im Konstrukt der ***A GmbH*** zwischen 16 und 18 Bordelle verschiedener "Filialisten" verbucht worden seien, sei die Gewährung der Einsicht in die Erlöskonten der ***A GmbH*** vor dem Hintergrund der abgabenrechtlichen Geheimhaltungspflicht rechtlich nicht möglich gewesen.
Ad Zurechnung zur ***A GmbH***:
Die umfangreichen Erhebungen im Umfeld der ***A GmbH*** hätten hervorgebracht, dass sämtliche "Filialleiter" aus verschiedensten Gründen ihre Gewerbeberechtigung verloren hätten. ***X*** habe - als eine von mehreren Personen - das von ***GF*** stammende Angebot der Bereitstellung der Konzession angenommen und so seine Bordelle unter dem Deckmantel der ***A GmbH*** weiterführen können. Nach außen hin sei die ***A GmbH*** im Bordellbetrieb nie offen in Erscheinung getreten. Laut Außenprüfungsbericht und Zeugenaussagen sei nach außen hin immer der Filialleiter als "Chef" aufgetreten. ***X*** habe zu Protokoll gegeben, er stelle Dienstnehmer ein und mache den Wareneinkauf. Weiters habe er zu Protokoll gegeben, dass es keinen Bierliefervertrag und keine sonstigen Lieferantenverträge gegeben habe. Er habe auch über das organisatorische Prozedere in den Bordellen (wie etwa, dass die Mädchen keine Getränkeprovision erhalten hätten) genau Bescheid gewusst. Im Konstrukt der ***A GmbH*** sei nach Aussagen von ***GF*** die grundsätzliche Vorgehensweise immer dieselbe gewesen: Die Lohnauszahlungen an die Mitarbeiter seien durch die Filialleiter direkt aus der Losung erfolgt. Er (***GF***) habe die Möglichkeit gehabt, die Kontoauszüge der Betriebe einzusehen, verfügungsberechtigt über die Konten sei er jedoch nicht gewesen. Der Saldo aus Einnahmen minus Ausgaben (Gewinn) sei immer beim Filialleiter verblieben. Dieser habe über den Betrag frei verfügen können. Das Betätigungsfeld der ***A GmbH*** sei ausschließlich die Abrechnung der Filialen, die Bezahlung der Steuern sowie die Zurverfügungstellung von Konzessionen gewesen. Die Tageslosungen seien immer im Verantwortungsbereich des Filialleiters gelegen gewesen. Die ***A GmbH*** sei - so das Finanzamt - als reines Scheinkonstrukt zu qualifizieren. Die operativen Tätigkeiten seien ***GF*** (Organisation und Zurverfügungstellung der Konzessionen) sowie den einzelnen Filialleitern zuzurechnen. ***X*** sei einer jener Unternehmer, die aufgrund des Entzuges der Gewerbeberechtigung auf die Dienste von ***GF*** zurückgegriffen hätten. Die niederschriftlich festgehaltenen Aussagen von ***X*** und ***GF*** sprächen in einer Gesamtbetrachtung eindeutig dafür, dass es sich beim behaupteten Dienstverhältnis von ***X*** zur ***A GmbH*** um ein absolutes Scheingeschäft im Sinne des § 23 Abs 1 BAO handle und ***X*** in wirtschaftlicher Betrachtungsweise tatsächlich die Absicht gehabt habe, die Bordelle im eigenen Namen und auf eigene Rechnung zu betreiben, wie er es vor dem Entzug der Gewerbeberechtigung bereits getan habe. Ein "echter" Dienstnehmer hätte nicht jene umfassenden Befugnisse gehabt, wie sie ***X*** gehabt habe (umfassende Befugnisse hinsichtlich des Personals, uneingeschränkter Zugriff auf Bankkonten, Losungsermittlung ohne Gegenkontrolle, eigenmächtige Verwendung des Gewinnes). ***X*** sei uneingeschränkt weisungsungebunden gewesen und habe unbestritten das unternehmerische Risiko hinsichtlich der Gewinnerwirtschaftung und aller wichtigen betrieblichen Entscheidungen getragen. ***X*** sei aufgrund der dargestellten Sachlage als Unternehmer im Sinne des § 2 UStG 1994 zu qualifizieren, die Umsätze aus den Bordellbetrieben seien ihm - und nicht der ***A GmbH*** - zuzurechnen. Da ihm die Bordellbetriebe als Einkunftsquelle zuzurechnen seien, seien ihm auch die ertragsteuerlichen Ergebnisse gemäß § 2 Abs 1 EStG 1988 zuzurechnen.
Ad Schätzung gemäß § 184 BAO:
Die Buchhaltungsunterlagen seien mit derart schweren formellen und materiellen Mängeln behaftet, dass eine Schätzung der Bemessungsgrundlagen ohne Zweifel notwendig gewesen sei. Die im Außenprüfungsbericht dargestellte Schätzung sei hinsichtlich der Veranlagungsjahre 2013 und 2014 auch der Höhe nach schlüssig und nachvollziehbar. Im Übrigen sei jeder Schätzung eine gewisse Unsicherheit immanent. Wer zur Schätzung Anlass gebe, müsse die mit der Schätzung verbundene Ungewissheit hinnehmen.
Gegen diese Beschwerdevorentscheidung wurde kein Vorlageantrag iSd § 264 BAO eingebracht, sodass sie in Rechtskraft erwuchs.
Am ***tt.mm.2018*** verstarb ***X***. Mit Beschluss des Bezirksgerichtes ***Stadt*** vom ***tt.mm.2019*** wurde die Verlassenschaft seinen beiden Brüdern, ***Y***, geboren am ***Geburtsdatum Y***, und ***Z***, geboren am ***Geburtsdatum Z***, rechtskräftig eingeantwortet (OZ 15).
Mit Schreiben vom 10.12.2019 beantragten die beiden Erben durch ihren steuerlichen Vertreter die Wiederaufnahme der mit der oben genannten Beschwerdevorentscheidung abgeschlossenen Einkommen- und Umsatzsteuerverfahren der Jahre 2013 und 2014 (OZ 17).
Nach Darstellung der Eckdaten der ***A GmbH*** (ua Gründungsdatum, Firmenbuchnummer, Geschäftsanschrift, Geschäftszweig, Gewerberegister-Daten, Steuernummer, Beitragskontonummer) und des bisherigen Verfahrensverlaufes wurde unter Punkt 6. ("Neue Tatsachen und Beweismittel iSd § 303 Abs 1 lit b BAO") wie folgt ausgeführt:
***A GmbH***:
Die ***A GmbH*** sei am ***tt.mm.2011*** gegründet und unter der Firmenbuchnummer ***FN*** im Firmenbuch eingetragen worden. Sie sei am ***tt.mm.2016*** gemäß § 40 FBG im Firmenbuch gelöscht worden. Von der Gründung bis zur Löschung sei ***GF*** als handelsrechtlicher Geschäftsführer bzw Liquidator im Firmenbuch ausgewiesen gewesen. Die Geschäftsanschrift der ***A GmbH*** habe ***Adresse Sitz A GmbH*** gelautet. Die Filiale in ***Stadt*** sei in den Büchern der ***A GmbH*** mit der Bezeichnung "***Bar 1***" und der Adresse ***Adresse Bar 1*** geführt worden. Die ***A GmbH*** habe Jahresabschlüsse für die Jahre 2011 bis 2013 beim Firmenbuchgericht eingereicht. Steuerlich sei sie beim Finanzamt ***FA*** erfasst gewesen. Als Dienstgeber sei sie bei der ***Bundesland*** Gebietskrankenkasse unter der Beitragskontonummer ***Nr*** erfasst gewesen. Sie habe im Jahr 2013 insgesamt 101 Arbeitnehmer und im Jahr 2014 insgesamt 73 Arbeitnehmer beschäftigt.
An die ***A GmbH*** verrechnete Leistungen:
Die ***A GmbH*** habe im gegenständlichen Zeitraum bei der ***Firma 1*** regelmäßig Getränke eingekauft. Auf den Rechnungen sei als Leistungsempfänger die ***A GmbH*** mit der Lieferadresse Filiale ***Bar 1***, ***Adresse Bar 1*** ausgewiesen. Die ***A GmbH*** habe für Bankomat- und Kreditkartenzahlungen ihrer Gäste ein Terminalsystem der ***Firma 2*** verwendet. Für das elektronische Service sei der ***A GmbH*** eine Wartungsgebühr verrechnet worden. Die Rechnungen seien auf die ***A GmbH*** mit der Adresse ***Adresse Bar 1*** ausgestellt worden. Die ***A GmbH*** habe regelmäßig Werbeeinschaltungen in unterschiedlichen Medien vorgenommen und für die "***Bar 1***" Werbung betrieben. Für die geschalteten Inserate und gemieteten Werbeflächen habe die ***A GmbH*** Rechnungen erhalten, die an sie adressiert gewesen seien und den Hinweis Filiale ***Stadt***, ***Adresse Bar 1*** enthalten hätten. Die ***A GmbH*** habe in ihren Filialen musikalische Unterhaltung angeboten und dafür Beiträge an die ***Firma 3*** bezahlt. Die diesbezüglichen Rechnungen hätten auf die ***A GmbH***, ***Adresse Bar 1*** gelautet. Die ***A GmbH*** habe Strom von der ***Firma 4*** bezogen. Dazu habe die Stromgesellschaft Rechnungen ausgestellt, die auf die ***A GmbH***, "***Bar 1***", ***Adresse Sitz A GmbH*** gelautet hätten. Die Stadt ***Stadt*** habe von der ***A GmbH*** eine Lustbarkeitsabgabe eingehoben und dazu Belege lautend auf die ***A GmbH*** ausgestellt. Objekt der Lustbarkeitsabgabe sei die Filiale ***Stadt***, ***Adresse Bar 1*** gewesen.
Einnahmen - Aufnahme in das Rechenwerk der ***A GmbH***:
Die ***A GmbH*** habe die Einnahmen der Filiale "***Bar 1***" in die Bücher aufgenommen und erlöswirksam am Buchhaltungskonto 4000 Umsatzerlöse 20% verbucht. Sie habe für unbare Zahlungen der Gäste ein elektronisches Terminalsystem der ***Firma 2*** verwendet. Das Terminalsystem sei auf die ***A GmbH***, ***Adresse Bar 1*** zugelassen gewesen und bei jedem Kundenbeleg angedruckt worden. Die Bankomat- und Kreditkartenumsätze seien dem Bankkonto der ***A GmbH*** gutgeschrieben worden.
Dienstnehmer der ***A GmbH***:
Auf den monatlichen Lohnzetteln sei als Arbeitgeber die ***A GmbH*** ausgewiesen. Daneben sei die Filiale angeführt, in welcher der Dienstnehmer beschäftigt gewesen sei. Im Juni 2013 seien die Dienstnehmer ***DN 1***, ***DN 2*** und ***DN 3*** bei der ***A GmbH*** beschäftigt gewesen. Dabei sei den Dienstnehmern eine Lohnabrechnung ausgehändigt und der Lohn in bar ausbezahlt worden (Lohnzettel ***Stadt*** 6/2013). Im August 2014 seien die Dienstnehmer ***DN 1***, ***DN 2***, ***DN 4*** und ***DN 5*** bei der ***A GmbH*** beschäftigt gewesen (Lohnzettel ***Stadt*** 8/2014).
Zusammenfassend sei festzuhalten, dass die ***A GmbH*** im Zeitraum 2011 bis 2014 durchgehend tätig gewesen sei. Sie habe die Einnahmen in ihren Büchern erfasst und sei gegenüber Gästen im eigenen Namen und auf eigene Rechnung aufgetreten. Die Aufwendungen seien ebenfalls im eigenen Namen und auf eigene Rechnung getätigt worden. Die Rechnungslegung der Lieferanten habe korrekt auf sie gelautet. Sie sei ordnungsgemäß beim Finanzamt, bei der ***Bundesland*** Gebietskrankenkasse, bei der Gemeinde ***Stadt*** und bei der Mitarbeitervorsorgekasse erfasst gewesen. Beim Firmenbuchgericht seien alle erforderlichen Daten offengelegt und Jahresabschlüsse eingereicht worden. Sie habe sich gegenüber Dienstnehmern als Arbeitgeber ausgegeben. Die Dienstnehmer seien beim zuständigen Sozialversicherungsträger ordnungsgemäß angemeldet und abgerechnet worden. Diese Tatsachen sowie die dazu vorgelegten Dokumente und Aufzeichnungen seien im abgeschlossenen Verfahren nicht bekannt gewesen und nach Abschluss des Verfahrens neu hervorgekommen. Die Kenntnis dieser Umstände hätte ganz offensichtlich einen im Spruch anderslautenden Bescheid herbeigeführt.
Dem Wiederaufnahmeantrag waren als Beilagen angeschlossen:
ein Firmenbuchauszug der ***A GmbH***,
ein Firmenstammblatt der ***A GmbH***,
zwei Personalstammlisten der ***A GmbH*** betreffend die Jahre 2013 und 2014,
neun Eingangsrechnungen lautend auf die ***A GmbH*** als Rechnungsempfängerin betreffend die Jahre 2012, 2013 und 2014,
zwei Buchhaltungs-Kontoblätter der ***A GmbH*** betreffend die Jahre 2013 und 2014,
ein Händlerbeleg/Kassenschnitt lautend auf die ***A GmbH*** betreffend das Jahr 2013,
zwei Bankkonto-Auszüge lautend auf die ***A GmbH*** betreffend das Jahr 2013,
sieben monatliche Lohn-/Gehaltsabrechnungen der ***A GmbH*** betreffend die Jahre 2013 und 2014,
ein Auszug aus den Steuerkonto-Daten betreffend die Steuernummer ***Steuernummer*** (Erben nach ***X***), sowie
drei das Jahr 2013 betreffende Überschussrechnungen (Vermietungen) samt Anlagenverzeichnis von ***X***.
Mit Bescheid vom 22.4.2020 wies das Finanzamt den Wiederaufnahmeantrag ab (OZ 2). Es führte mit näherer Begründung aus, dass ***X*** die im Wiederaufnahmeantrag ins Treffen geführten Tatsachen und Beweismittel im Zeitpunkt der Erlassung der Beschwerdevorentscheidung vom 14.5.2018, mit welcher die den Gegenstand des Wiederaufnahmeantrages bildenden Einkommen- und Umsatzsteuerverfahren der Jahre 2013 und 2014 abgeschlossen worden seien, bereits bekannt gewesen seien. Es lägen demnach keine neuen Tatsachen und Beweismittel iSd § 303 Abs 1 lit b BAO vor.
Mit Schreiben vom 25.5.2020 erhoben die beiden Erben durch ihren steuerlichen Vertreter dagegen Beschwerde (OZ 1). Begründend wurde wie folgt ausgeführt:
Der Aktenumfang des gegenständlichen Verfahrens sei in der Beilage 1 zum Protokoll über die Akteneinsicht vom 13.11.2018 und - damit übereinstimmend - auf Seite 7 des angefochtenen Bescheides angeführt.
Die als Beilagen zum Wiederaufnahmeantrag übermittelten Dokumente seien neue Tatsachen und Beweismittel, die geeignet seien, einen im Spruch anderslautenden Bescheid herbeizuführen, da sie im bisherigen Verfahren nicht vorgelegen seien.
Das Finanzamt zitiere einen Aktenbestand, der nicht Gegenstand des gegenständlichen Verfahrens sei. Ein etwaiges Verfahren zur ***A GmbH*** sei nicht Gegenstand des Wiederaufnahmeverfahrens. Der Prüfungsakt der ***A GmbH*** habe nicht Eingang in den gegenständlichen Akt gefunden. Die Feststellungen und Schlussfolgerungen in Bezug auf die ***A GmbH*** seien aktenwidrig.
Das Finanzamt bleibe es schuldig, seine sachverhaltsrelevanten Feststellungen zu belegen. Es gebe kein aktenkundiges Beweismittel, welches belege, dass dem verstorbenen ***X*** die als Beilagen zum gegenständlichen Wiederaufnahmeantrag vorgelegten Dokumente bekannt gewesen seien.
Mit Beschwerdevorentscheidung vom 29.7.2020 wies das Finanzamt die Beschwerde ab (OZ 7). Es listete die als Beilagen zum Wiederaufnahmeantrag übermittelten Dokumente auf und wies mit näherer Begründung darauf hin, dass sich daraus keine neuen Tatsachen ableiten ließen, die eine Wiederaufnahme rechtfertigten.
Mit Schreiben vom 11.8.2020 beantragten die beiden Erben durch ihren steuerlichen Vertreter die Entscheidung über die Beschwerde durch das Bundesfinanzgericht (OZ 9). In Ergänzung zum Beschwerdevorbringen wurde wie folgt ausgeführt:
Die Feststellung des Finanzamtes, die ***A GmbH*** sei nicht operativ tätig gewesen, sei aktenwidrig.
Um das Prüfungsergebnis, die ***A GmbH*** sei ein "Konstrukt (Scheinfirma)", überprüfen zu können, hätte das Finanzamt die Prüfungsunterlagen betreffend die ***A GmbH*** in das Prüfungsverfahren betreffend ***X*** aufzunehmen gehabt.
Die vorgelegten Unterlagen seien im Aktenbestand des gegenständlichen Verfahrens nicht enthalten. Es lägen somit neue Beweismittel iSd § 303 Abs 1 lit b BAO vor. Anderes sei nicht aktenkundig belegt. Was nicht belegt sei, könne auch nicht schlüssig angenommen werden.
Zu den inhaltlichen Ausführungen des Finanzamtes hinsichtlich "Konstrukt/Scheinfirma" sei Folgendes festzuhalten: Trete eine Gesellschaft nach außen auf, könne deren Existenz nicht verneint werden. Verfüge die Gesellschaft über eine entsprechende Infrastruktur (Dienstnehmer, Räumlichkeiten, Büro, Buchhaltung etc), seien ihr die Einkünfte zuzurechnen.
Darüber hinaus bestätige das Finanzamt die Richtigkeit der Wahl der Rechtsform, indem es anführe, dass der verstorbene ***X*** seine "Konzession" verloren habe. Es liege somit ein wesentlicher außersteuerlicher Grund dafür vor, dass die neue Konzessionsträgerin ***A GmbH*** die Geschäfte geführt habe.
In der Folge legte das Finanzamt den Beschwerdeakt dem Bundesfinanzgericht zur Entscheidung vor. Im Vorlagebericht vom 4.9.2020, in dem es die Abweisung der Beschwerde beantragte, bezog es wie folgt Stellung (OZ 16):
Die Feststellung, die ***A GmbH*** sei ein Konstrukt in Bezug auf den Betrieb verschiedener Bordelle gewesen, sei in einer vorgelagerten Außenprüfung getroffen worden. Das Ergebnis dieser vorgelagerten Außenprüfung sei eine rechtskräftig entschiedene Vorfrage zur Außenprüfung betreffend ***X***. Als Ergebnis sei daher festzuhalten, dass die ***A GmbH*** selbst keine Bordelle betrieben, sondern die Bordelle nur unter ihrem Dach verwaltet habe. Diese Feststellung stelle die Basis für die Außenprüfungen betreffend ***X*** und andere "Filialisten" dar. Wenn im Vorlageantrag argumentiert werde, dass die Existenz der ***A GmbH*** nicht zu leugnen sei, weil sie nach außen hin aufgetreten sei, so sei dem zu entgegnen, dass dies nicht im Zuge der Außenprüfung betreffend ***X*** zu beurteilen gewesen sei. Dies sei Thema der Außenprüfung betreffend die ***A GmbH*** gewesen (entschiedene Rechtssache und Vorfrage!). ***X*** sei bekannt gewesen, aus welchem Grund die Außenprüfung bei ihm stattgefunden habe. Er sei ja "part of the game" gewesen, wie die umfangreichen Ermittlungen der Finanzverwaltung verdeutlichten. ***X*** habe im Zuge der Außenprüfung selbst angegeben, er habe dies so gemacht, weil ihm die Konzession entzogen worden sei.
Mit Ersuchschreiben gemäß § 158 BAO vom 2.6.2025 ersuchte das Bundesfinanzgericht die Stadtgemeinde ***Stadt*** um Übermittlung einer Übersicht über die Inhaber der Bordellberechtigung für die "***Bar 1***" im Zeitraum 2000 bis 2018 (OZ 39).
In Beantwortung dieses Ersuchschreibens erteilte die Stadtgemeinde ***Stadt*** dem Bundesfinanzgericht mit E-Mail vom 3.6.2025 folgende Auskunft: Am ***tt.mm.1998*** sei ***X*** die Genehmigung zur Führung des Nachtlokals "***Bar 1***" erteilt worden. Mit seinem Tod am ***tt.mm.2018*** sei diese Genehmigung erloschen (OZ 40).
Nach Abhaltung eines Erörterungstermines und Durchführung eines Vorhalteverfahrens wurde am 30.4.2026 am Bundesfinanzgericht eine mündliche Verhandlung abgehalten, im Zuge derer der steuerliche Vertreter der beiden Erben eine Schachtel mit Buchhaltungsunterlagen der ***A GmbH*** im Umfang von 8 Ordnern (Eingangsrechnungen, Bankkonto-Auszüge, Lohn-/Gehaltsabrechnungen, Händlerbelege/Kassenschnitte) vorlegte und dazu ergänzend festhielt, dass die betreffenden Unterlagen den Prüfern im seinerzeit bei ***X*** durchgeführten Außenprüfungsverfahren offensichtlich nicht bekannt gewesen seien. Dieser Umstand manifestiere sich in den Ausführungen des Finanzamtes im Außenprüfungsbericht vom 5.8.2015 betreffend die bei ***X*** vorgenommene Hinzuschätzung aufgrund von in der Buchhaltung der ***A GmbH*** nicht erfassten Bankomat- und Kreditkartenumsätzen. Hätte das Finanzamt zum damaligen Zeitpunkt Kenntnis von den - damals schon vorhanden gewesenen - Unterlagen gehabt, wäre es zu einem anderen Ergebnis gelangt.
Der Finanzamtsvertreter hielt dem entgegen, dass das hier gegenständliche Verfahren einen Antrag auf Wiederaufnahme betreffe. Dabei sei nach der einschlägigen Rechtsprechung des VwGH der Kenntnisstand des Antragstellers (und nicht jener der Betriebsprüfer) entscheidend.
II. Das Bundesfinanzgericht hat erwogen:
1. Festgestellter Sachverhalt:
***X*** war im Zeitraum 2004 bis zu seinem Tod am ***tt.mm.2018*** - somit auch während des hier gegenständlichen Streitzeitraumes - Alleineigentümer der an der Adresse ***Adresse Bar 1*** gelegenen Immobilie, in welcher die "***Bar 1***" betrieben wurde (***EZ... KG...***).
***X*** war im Zeitraum 2001 bis zu seinem Tod am ***tt.mm.2018*** - somit auch während des hier gegenständlichen Streitzeitraumes - Alleineigentümer des an der Adresse ***Adresse Wohnhaus*** gelegenen Wohnhauses, das als Unterkunft für die in der "***Bar 1***" beschäftigten Mitarbeiterinnen diente (***EZ... KG...***).
Am ***tt.mm.1998*** wurde ***X*** seitens der Stadtgemeinde ***Stadt*** die Genehmigung zum Betrieb des Nachtlokals "***Bar 1***" an der Adresse ***Adresse Bar 1*** erteilt (Bordellberechtigung im Sinne des ***Bundesland*** Prostitutionsgesetzes). Er hatte die Bordellberechtigung durchgehend bis zu seinem Tod am ***tt.mm.2018*** - somit auch während des hier gegenständlichen Streitzeitraumes - inne.
***X*** hatte ursprünglich auch die in Zusammenhang mit dem Betrieb der "***Bar 1***" erforderliche Gewerbeberechtigung im Sinne der Gewerbeordnung inne und die "***Bar 1***" jahrelang selbst betrieben. Infolge eines Finanzstrafverfahrens wurde ihm die Gewerbeberechtigung entzogen, weshalb er die "***Bar 1***" ab der Errichtung der ***A GmbH*** im Jahr 2011 unter deren Deckmantel führte.
Die ***A GmbH*** (FB-Nummer: ***FN***) wurde mit Erklärung über die Errichtung der Gesellschaft vom ***tt.mm.2011*** errichtet und am ***tt.mm.2011*** im Firmenbuch eingetragen. Alleingesellschafterin war ab dem Zeitpunkt der Gesellschaftsgründung ***G***. Mit der (alleinigen) Geschäftsführung war ab dem Zeitpunkt der Gesellschaftsgründung ***GF*** befasst. Mit Abtretungsvertrag vom ***tt.mm.2014*** trat ***G*** ihren Geschäftsanteil an ***GF*** ab. Mit Beschluss des Landesgerichtes für Zivilrechtssachen ***Stadt*** vom ***tt.mm.2015*** (***GZ***) wurde die Nichteröffnung eines Insolvenzverfahrens mangels kostendeckenden Vermögens ausgesprochen. Am ***tt.mm.2016*** wurde die ***A GmbH*** gemäß § 40 FBG infolge Vermögenslosigkeit von Amts wegen im Firmenbuch gelöscht.
Die ***A GmbH*** hatte im Zeitraum ***tt.mm.2011*** bis ***tt.mm.2014*** die Gewerbeberechtigung für das reglementierte Gewerbe "Gastgewerbe in der Betriebsart "Bar" gemäß § 94 Z 26 GewO 1994 mit der Berechtigung gemäß § 111 Abs 1 Z 2 GewO 1994" inne. Gewerberechtlicher Geschäftsführer war im genannten Zeitraum ***GF***. Als Betriebsstätte im gewerberechtlichen Sinn war im Gewerbeinformationssystem Austria (GISA) im Zeitraum ***tt.mm.2011*** bis ***tt.mm.2014*** ua die Adresse ***Adresse Bar 1*** ("***Bar 1***") ausgewiesen.
Der Zweck der ***A GmbH*** bestand ua darin, Gaststätten- und Bordellbetreibern, denen - aus unterschiedlichen Gründen (zB als Folge einer strafgerichtlichen Verurteilung) - die Gewerbeberechtigung zum Betrieb der Gaststätte bzw des Bordells entzogen wurde, die Möglichkeit zu eröffnen, den jeweiligen Betrieb unter ihrem Deckmantel fortzuführen, indem sie - als Gewerbeinhaberin - ihnen die Gewerbeberechtigung gegen Entgelt "zur Verfügung stellte".
Die betreffenden Personen (bisherige Gaststätten- und Bordellbetreiber), darunter ***X***, wurden im Konstrukt der ***A GmbH*** stets als "Filialleiter" bezeichnet.
Für die "Zurverfügungstellung" der Gewerbeberechtigung war von den "Filialleitern", darunter ***X***, ein monatliches Entgelt von 370,00 Euro an die ***A GmbH*** und darüber hinaus ein monatlicher Betrag von meist 50,00 Euro bis 70,00 Euro unmittelbar an ***GF*** zu leisten.
***GF*** übernahm in seiner Funktion als Geschäftsführer der ***A GmbH*** verschiedene Verwaltungsagenden für die am Konstrukt der ***A GmbH*** teilnehmenden Gaststätten und Bordelle, wie zB die sozialversicherungsrechtliche An- und Abmeldung von Dienstnehmern (die in den Gaststätten und Bordellen tätigen Dienstnehmer wurden als Dienstnehmer der ***A GmbH*** zur Sozialversicherung angemeldet), die Buchhaltung, die Lohnverrechnung sowie steuerliche Angelegenheiten. Für die Übernahme dieser Verwaltungsagenden hatten die "Filialleiter" - zusätzlich zu dem oben angesprochenen Entgelt für die "Zurverfügungstellung" der Gewerbeberechtigung - einen monatlichen Betrag an die ***A GmbH*** zu leisten. Der ***A GmbH*** kam damit im Ergebnis die Funktion einer Verwaltungsdienstleisterin für die an ihrem Konstrukt teilnehmenden Gaststätten und Bordelle zu.
Die diesbezüglichen Beträge wurden von ***GF*** für jede Gaststätte bzw jedes Bordell in monatlichen Aufstellungen - unter Verwendung eines stets gleich aufgebauten Vordruckes - händisch aufgeschlüsselt. Im Fall der "***Bar 1***" stellt sich der für den Monat Juni 2014 händisch ausgefüllte Vordruck (beispielhaft) wie folgt dar (OZ 29 Seite 43):
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***A GmbH***
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Firmenfiliale: ***Bar 1***
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Monat: 6/14
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Art der Zahlung:
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Datum:
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Betrag:
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Akonto:
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Bemerkungen:
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Übertrag vom Vormonat
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Losung
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370,00 Euro
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Vorsteuer
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1.716,98 Euro
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Lohn
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Nebenkosten
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2.717,23 Euro
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Lohnverrechnung
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56,00 Euro
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An- und Abmeldung
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AKM
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Kammerumlage
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22,00 Euro
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Tourismusabgabe
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Kost (Anm BFG: gemeint ist KÖSt)
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45,00 Euro
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Buchhaltung
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80,00 Euro
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Bilanz
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20,00 Euro
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Magistratsabgabe
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Drucksorten
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Miete
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Betriebskosten
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Strom
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Heizung
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Versicherung
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26,00 Euro
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Grundsteuer
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KFZ
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Firmenbuch
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Schanigarten
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Leihinventar
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Konzession
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70,00 Euro
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Telefon
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119,70 Euro
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Kommunalabgabe
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GIS
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26,00 Euro
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Bundessozialamt
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150,00 Euro
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Lustb.
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44,00 Euro
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Sonstiges
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Summe
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5.462,91 Euro
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bez. (händisch vermerkt)
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Dieser tabellarischen Aufstellung ist ua zu entnehmen, dass ***X*** für die "***Bar 1***" für den Monat Juni 2014 56,00 Euro für "Lohnverrechnung" und 100,00 Euro für "Buchhaltung/Bilanz" an die ***A GmbH*** zu entrichten hatte.
***X*** war in den Zeiträumen 1.1.2012 bis 24.4.2013 und 22.1.2014 bis 30.8.2014 als Dienstnehmer ("Arbeiter") der ***A GmbH*** mit einem monatlichen Lohn von rund 1.000,00 Euro bei der ***Bundesland*** Gebietskrankenkasse zur Sozialversicherung angemeldet. Für die besagten Zeiträume wurden auch Lohnzettel an das Finanzamt übermittelt. Tatsächlich agierte ***X*** ab der Errichtung der ***A GmbH*** im Jahr 2011 (und auch in den darauffolgenden Jahren) nicht als weisungsgebundener Dienstnehmer der ***A GmbH***. Vielmehr führte er die "***Bar 1***" unter dem Deckmantel der ***A GmbH*** nach eigenem Gutdünken ohne jegliche persönliche Weisungsbindung.
Nach außen hin trat in den Streitjahren stets die ***A GmbH*** auf.
Die ***X*** betreffenden Einkommen- und Umsatzsteuerverfahren der Jahre 2013 und 2014 wurden mit der abweisenden Beschwerdevorentscheidung des Finanzamtes vom 14.5.2018 rechtskräftig abgeschlossen (ein Vorlageantrag wurde von ***X*** nicht erhoben).
Am ***tt.mm.2018*** verstarb ***X***. Mit Beschluss des Bezirksgerichtes ***Stadt*** vom ***tt.mm.2019*** wurde die Verlassenschaft seinen beiden Brüdern, ***Y***, geboren am ***Geburtsdatum Y***, und ***Z***, geboren am ***Geburtsdatum Z***, rechtskräftig eingeantwortet.
Mit Schreiben vom 10.12.2019 beantragten die beiden Erben durch ihren steuerlichen Vertreter die Wiederaufnahme der mit der Beschwerdevorentscheidung vom 14.5.2018 rechtskräftig abgeschlossenen Einkommen- und Umsatzsteuerverfahren der Jahre 2013 und 2014, gestützt auf den Neuerungstatbestand (§ 303 Abs 1 lit b BAO).
Die im Wiederaufnahmeantrag vom 10.12.2019 angeführten Tatsachen und Beweismittel (siehe dazu im Detail oben unter Punkt I. [Verfahrensgang], Seiten 7 - 10) waren ***X*** im Zeitpunkt der Erlassung der genannten Beschwerdevorentscheidung vom 14.5.2018 allesamt - längst - bekannt.
So war ihm im genannten Zeitpunkt bekannt, dass
die ***A GmbH*** im Jahr 2011 errichtet wurde, ihre Anschrift ***Adresse Sitz A GmbH*** lautete, und die "***Bar 1***" in den Büchern der ***A GmbH*** mit der Bezeichnung "***Bar 1***" und der Adresse ***Adresse Bar 1*** geführt wurde;
die ***A GmbH*** Jahresabschlüsse beim Firmenbuchgericht einreichte und für steuerliche Zwecke beim Finanzamt ***FA*** sowie als Dienstgeber beim zuständigen Sozialversicherungsträger erfasst war;
die die "***Bar 1***" betreffenden Eingangsrechnungen (hinsichtlich ua Getränkelieferungen, Stromlieferungen und Werbeschaltungen) allesamt auf die ***A GmbH*** als Rechnungsempfängerin lauteten;
in der "***Bar 1***" ein auf die ***A GmbH*** zugelassenes Terminalsystem der ***Firma 2*** für Zwecke von Bankomat- und Kreditkartenzahlungen der Gäste verwendet wurde und auf den diesbezüglichen Belegen die ***A GmbH*** angeführt war;
die Bankomat- und Kreditkartenzahlungen der Gäste auf einem auf die ***A GmbH*** lautenden Bankkonto gutgeschrieben wurden;
die die "***Bar 1***" betreffenden Geschäftsfälle (Einnahmen und Ausgaben) in der Buchhaltung der ***A GmbH*** erfasst wurden;
die in der "***Bar 1***" beschäftigten Dienstnehmer allesamt als Dienstnehmer der ***A GmbH*** zur Sozialversicherung angemeldet wurden und auf den Lohnzetteln und Lohnabrechnungen die ***A GmbH*** als Dienstgeber ausgewiesen war.
Auch die vom steuerlichen Vertreter der beiden Erben in der am 30.4.2026 abgehaltenen mündlichen Verhandlung vorgelegten Buchhaltungsunterlagen der ***A GmbH*** betreffend die Jahre 2013 und 2014 (Eingangsrechnungen, Bankkonto-Auszüge, Lohn-/Gehaltsabrechnungen, Händlerbelege/Kassenschnitte), die - wie die dem Wiederaufnahmeantrag vom 10.12.2019 beigelegten Unterlagen - allesamt die "***Bar 1***" betreffen und auf die ***A GmbH*** lauten, waren ***X*** im Zeitpunkt der Erlassung der genannten Beschwerdevorentscheidung vom 14.5.2018 - längst - bekannt.
2. Beweiswürdigung:
Gemäß § 167 Abs 1 BAO bedürfen Tatsachen, die bei der Abgabenbehörde (bzw beim Bundesfinanzgericht) offenkundig sind, und solche, für deren Vorhandensein das Gesetz eine Vermutung aufstellt, keines Beweises. Gemäß § 167 Abs 2 BAO hat die Abgabenbehörde (bzw das Bundesfinanzgericht) im Übrigen unter sorgfältiger Berücksichtigung der Ergebnisse des Abgabenverfahrens nach freier Überzeugung zu beurteilen, ob eine Tatsache als erwiesen anzunehmen ist oder nicht. Nach ständiger Rechtsprechung des VwGH genügt es, von mehreren Möglichkeiten jene als erwiesen anzunehmen, die gegenüber allen anderen Möglichkeiten eine überragende Wahrscheinlichkeit oder gar die Gewissheit für sich hat und alle anderen Möglichkeiten absolut oder mit Wahrscheinlichkeit ausschließt oder zumindest weniger wahrscheinlich erscheinen lässt (vgl zB VwGH 31.5.2017, Ro 2014/13/0025; siehe auch Ritz/Koran, BAO8 § 167 Rz 8, mwN).
Die Feststellung, dass ***X*** im Zeitraum 2004 bis zu seinem Tod am ***tt.mm.2018*** durchgehend Alleineigentümer jener Immobilie war, in welcher die "***Bar 1***" betrieben wurde, gründet sich - neben den Ausführungen des Finanzamtes im Außenprüfungsbericht vom 5.8.2015 (OZ 20 Seite 8) - auf den diesbezüglichen Grundbuchsauszug (OZ 21 Seite 97), den Kaufvertrag vom ***tt.mm.2004***, mit dem ***X*** die Immobilie erworben hatte (OZ 22 Seite 14), und den Einantwortungsbeschluss des Bezirksgerichtes ***Stadt*** vom ***tt.mm.2019*** (OZ 15).
Die Feststellung, dass ***X*** im Zeitraum 2001 bis zu seinem Tod am ***tt.mm.2018*** durchgehend Alleineigentümer des an der Adresse ***Adresse Wohnhaus*** gelegenen Wohnhauses war, das als Unterkunft für die in der "***Bar 1***" beschäftigten Mitarbeiterinnen diente, stützt sich - neben den Ausführungen des Finanzamtes im Außenprüfungsbericht vom 5.8.2015 (OZ 20 Seite 8) - auf den diesbezüglichen Grundbuchsauszug (OZ 21 Seite 105), den Kaufvertrag vom ***tt.mm.2001***, mit dem ***X*** die Immobilie erworben hatte (OZ 22 Seite 8), und den Einantwortungsbeschluss des Bezirksgerichtes ***Stadt*** vom ***tt.mm.2019*** (OZ 15).
Die Feststellungen zur Bordellberechtigung betreffend die "***Bar 1***" beruhen auf der von der Stadtgemeinde ***Stadt*** dem Bundesfinanzgericht erteilten Auskunft vom 3.6.2025 (OZ 40). Damit konfrontiert wurde von den Verfahrensparteien im Zuge des am 5.6.2025 abgehaltenen Erörterungstermines nichts Anderslautendes vorgebracht (OZ 41).
Dass ***X*** die "***Bar 1***" ursprünglich selbst betrieben hatte, er zunächst auch Inhaber der diesbezüglichen Gewerbeberechtigung im Sinne der Gewerbeordnung war, und ihm diese Gewerbeberechtigung infolge eines Finanzstrafverfahrens entzogen wurde, ergibt sich aus den niederschriftlich festgehaltenen Aussagen von ***X*** im Zuge der abgabenbehördlichen Befragung vom 20.2.2015 (Niederschrift vom 20.2.2015, Frage 4, OZ 20 Seite 18).
Die Feststellungen zu den gesellschaftsrechtlichen Verhältnissen der ***A GmbH*** (Errichtung, Beendigung, Kreis der Gesellschafter und Geschäftsführer) beruhen auf einer Abfrage des Firmenbuches samt den dort hinterlegten Urkunden (OZ 65). Anderslautendes wurde von den Verfahrensparteien nicht vorgebracht.
Die Feststellungen zur Gewerbeberechtigung der ***A GmbH*** (Art der Gewerbeberechtigung, gewerberechtlicher Geschäftsführer, Betriebsstätte im gewerberechtlichen Sinn ua an der Adresse ***Adresse Bar 1*** ["***Bar 1***"]) gründen sich auf eine Abfrage des Gewerbeinformationssystems Austria (GISA) (OZ 66). Anderslautendes wurde von den Verfahrensparteien nicht vorgebracht.
Die Feststellungen zu dem mit der ***A GmbH*** verfolgten Zweck beruhen auf Folgendem: ***GF*** gab im Zuge zweier finanzpolizeilicher Befragungen vom 11.4.2014 zu Protokoll, dass der Geschäftszweck der ***A GmbH*** "das zur Verfügung stellen der Konzession" an Gaststätten und Betriebe aus anderen Branchen sei (Niederschrift vom 11.4.2014, OZ 49 Seite 34, [weitere] Niederschrift vom 11.4.2014, OZ 49 Seite 39). Im Zuge der abgabenbehördlichen Befragung vom 29.10.2014 führte ***GF*** überdies wie folgt aus: "Die Betriebe hatten keine eigene Konzession, teilweise durch Vorstrafen und deshalb wurde dieses System gewählt." (Niederschrift vom 29.10.2014, Frage 7, OZ 48 Seite 41). Dies bestätigend sagte er im Zuge der abgabenbehördlichen Befragung vom 5.2.2015 aus, die "Filialleiter" seien zu ihm gekommen. Er habe diese Personen in deren eigenen Betrieben kennengelernt. Mangels eigener Konzession hätten sie ihn gebeten, die Konzession zur Verfügung zu stellen (Niederschrift vom 5.2.2015, Frage 2, OZ 67 Seite 8). Mit diesen Ausführungen steht die Aussage von ***X*** im Zuge der abgabenbehördlichen Befragung vom 20.2.2015 im Einklang, er sei zunächst selbst Betreiber der "***Bar 1***" gewesen, habe jedoch aufgrund eines Finanzstrafverfahrens die Gewerbeberechtigung verloren (Niederschrift vom 20.2.2015, Frage 4, OZ 20 Seite 18). Auch das Finanzamt führte diesbezüglich im Außenprüfungsbericht vom 5.8.2015 aus, die "Filialleiter" hätten aus verschiedenen Gründen ihre Gewerbeberechtigung verloren und seien in der Folge auf das Angebot von ***GF*** zurückgekommen, den jeweiligen Betrieb unter der ***A GmbH*** zu führen (OZ 20 Seite 7). Die beschwerdeführende Partei ist alldem nicht substantiiert entgegengetreten. Das Bundesfinanzgericht nimmt es vor diesem Hintergrund als erwiesen an, dass der Zweck der ***A GmbH*** ua darin bestand, Gaststätten- und Bordellbetreibern, denen - aus unterschiedlichen Gründen (zB als Folge einer strafgerichtlichen Verurteilung) - die Gewerbeberechtigung zum Betrieb der Gaststätte oder des Bordells entzogen wurde, die Möglichkeit zu eröffnen, den jeweiligen Betrieb unter ihrem Deckmantel fortzuführen, indem sie - als Gewerbeinhaberin - ihnen die Gewerbeberechtigung "zur Verfügung stellte".
Dass ***X*** im Konstrukt der ***A GmbH*** als "Filialleiter" bezeichnet wurde, ergibt sich ua aus den Ausführungen von ***GF*** im Zuge der abgabenbehördlichen Befragung vom 5.2.2015 (Niederschrift vom 5.2.2015, Frage 5, OZ 67 Seite 9).
Dass die "Filialleiter", darunter ***X***, für die "Zurverfügungstellung" der Gewerbeberechtigung ein monatliches Entgelt von 370,00 Euro an die ***A GmbH*** und darüber hinaus einen monatlichen Betrag von meist 50,00 Euro bis 70,00 Euro unmittelbar an ***GF*** zu leisten hatten, nimmt das Bundesfinanzgericht aus folgenden Gründen als erwiesen an: ***GF*** gab im Zuge der finanzpolizeilichen Befragung vom 11.4.2014 zu Protokoll, die ***A GmbH*** habe für die Zurverfügungstellung der Konzession monatlich 370,00 Euro in bar erhalten (Niederschrift vom 11.4.2014, OZ 49 Seite 39). Dies bestätigend beantwortete er im Zuge der abgabenbehördlichen Befragung vom 29.10.2014 die Frage, wie hoch die "Pacht" für die Gewerbeberechtigung gewesen sei, dahingehend, dass die ***A GmbH*** von jedem Betrieb monatlich 370,00 Euro und er persönlich zusätzlich 50,00 Euro bis 70,00 Euro bekommen habe (Niederschrift vom 29.10.2014, Frage 4, OZ 48 Seite 41). Dementsprechend führte auch das Finanzamt im Außenprüfungsbericht vom 5.8.2015 aus, ***GF*** habe den "Filialleitern" monatlich erhebliche Kosten für die "Pacht" der Gewerbeberechtigung verrechnet (OZ 20 Seite 7). In den im Akt des Bundesfinanzgerichtes einliegenden monatlichen Aufstellungen je Gaststätte bzw Bordell (händisch ausgefüllte, stets gleich aufgebaute Vordrucke) ist bei der Position "Losung" nahezu durchgehend der Betrag von 370,00 Euro und bei der Position "Konzession" meist der Betrag von 70,00 Euro angeführt (OZ 29 Seiten 3 - 46, OZ 54 Seiten 12 - 70). Die beschwerdeführende Partei ist alldem nicht substantiiert entgegengetreten. Für das Bundesfinanzgericht steht vor diesem Hintergrund fest, dass die "Filialleiter", darunter ***X***, für die "Zurverfügungstellung" der Gewerbeberechtigung ein monatliches Entgelt sowohl an die ***A GmbH*** als auch unmittelbar an ***GF*** zu leisten hatten.
Dass der ***A GmbH*** darüber hinaus die Funktion einer Verwaltungsdienstleisterin für die an ihrem Konstrukt teilnehmenden Gaststätten und Bordelle zukam, indem sie durch ihren Geschäftsführer ***GF*** die sozialversicherungsrechtliche An- und Abmeldung von Dienstnehmern, die Buchhaltung, die Lohnverrechnung sowie steuerrechtliche Angelegenheiten für die Gaststätten und Bordelle gegen Entgelt abwickelte, ist zunächst den seitens der beschwerdeführenden Partei unwidersprochen gebliebenen Ausführungen des Finanzamtes im Außenprüfungsbericht vom 5.8.2015 zu entnehmen (OZ 20 Seite 7). Bestätigung findet dies in den monatlichen Aufstellungen je Gaststätte bzw Bordell, in denen sich ua die Positionen "Lohnverrechnung", "Buchhaltung" und "Bilanz" finden (für die "***Bar 1***" OZ 29 Seiten 3 - 46; für weitere Gaststätten und Bordelle OZ 54 Seiten 12 - 70; siehe dazu auch die unter Punkt II.1. [Festgestellter Sachverhalt] beispielhaft wiedergegebene Aufstellung betreffend die "***Bar 1***" für den Monat Juni 2014). Vor diesem Hintergrund nimmt es das Bundesfinanzgericht als erwiesen an, dass der ***A GmbH*** die oben beschriebene Funktion einer Verwaltungsdienstleisterin für die an ihrem Konstrukt teilnehmenden Gaststätten und Bordelle zukam.
Die Feststellungen zur sozialversicherungsrechtlichen Anmeldung von ***X*** als Dienstnehmer ("Arbeiter") der ***A GmbH*** beruhen auf dem aktenkundigen Versicherungsdatenauszug (OZ 21 Seite 28).
Normen und Schlagworte
- § 167 Abs. 1 BAO, Bundesabgabenordnung, BGBl. Nr. 194/1961
- § 303 Abs. 2 lit. b BAO, Bundesabgabenordnung, BGBl. Nr. 194/1961
- § 303 Abs. 2 BAO, Bundesabgabenordnung, BGBl. Nr. 194/1961
- § 167 Abs. 2 BAO, Bundesabgabenordnung, BGBl. Nr. 194/1961
- § 303 Abs. 1 lit. b BAO, Bundesabgabenordnung, BGBl. Nr. 194/1961
Herkunft
Herkunft dieses Textes
- Bestand
- BFG-Entscheidungen
- Dokumenttyp
- Bescheidbeschwerde - Senat - Erkenntnis
- Geschäftszahl
- RV/2100884/2020
- ECLI
- ECLI:AT:BFG:2026:RV.2100884.2020
- Stammnummer
- 151649
- Gültig
- 12.05.2026 bis auf Weiteres
- Stand Bestandsliste
- 25.09.2026 06:13
- Von uns abgerufen
- 26.09.2026
- Quelle
- Findok – Finanzdokumentation des Bundesministeriums für Finanzen
- Lizenz
- CC0 1.0 — gemeinfrei gewidmet vom BMF