Findok · BFG-Entscheidungen
BFG RV/7104149/2020
Gemeinsamer Haushalt mit einem Kleinkind
geltende FassungBescheidbeschwerde - Einzel - ErkenntnisRV/7104149/2020vom 17.08.2022Teil 2 von 2
Entscheidung in der vom BMF bzw. BFG anonymisiert veröffentlichten Fassung. Wir ergänzen oder verknüpfen keine personenbezogenen Angaben.
Wortlaut laut Findok
i) bei Ansprüchen, die durch eine Beschäftigung oder eine selbstständige Erwerbstätigkeit ausgelöst werden: der Wohnort der Kinder, unter der Voraussetzung, dass dort eine solche Tätigkeit ausgeübt wird, und subsidiär gegebenenfalls die nach den widerstreitenden Rechtsvorschriften zu gewährende höchste Leistung. Im letztgenannten Fall werden die Kosten für die Leistungen nach in der Durchführungsverordnung festgelegten Kriterien aufgeteilt;
ii) bei Ansprüchen, die durch den Bezug einer Rente ausgelöst werden: der Wohnort der Kinder, unter der Voraussetzung, dass nach diesen Rechtsvorschriften eine Rente geschuldet wird, und subsidiär gegebenenfalls die längste Dauer der nach den widerstreitenden Rechtsvorschriften zurückgelegten Versicherungs- oder Wohnzeiten;
iii) bei Ansprüchen, die durch den Wohnort ausgelöst werden: der Wohnort der Kinder.
(2) Bei Zusammentreffen von Ansprüchen werden die Familienleistungen nach den Rechtsvorschriften gewährt, die nach Absatz 1 Vorrang haben. Ansprüche auf Familienleistungen nach anderen widerstreitenden Rechtsvorschriften werden bis zur Höhe des nach den vorrangig geltenden Rechtsvorschriften vorgesehenen Betrags ausgesetzt; erforderlichenfalls ist ein Unterschiedsbetrag in Höhe des darüber hinausgehenden Betrags der Leistungen zu gewähren. Ein derartiger Unterschiedsbetrag muss jedoch nicht für Kinder gewährt werden, die in einem anderen Mitgliedstaat wohnen, wenn der entsprechende Leistungsanspruch ausschließlich durch den Wohnort ausgelöst wird.
(3) Wird nach Artikel 67 beim zuständigen Träger eines Mitgliedstaats, dessen Rechtsvorschriften gelten, aber nach den Prioritätsregeln der Absätze 1 und 2 des vorliegenden Artikels nachrangig sind, ein Antrag auf Familienleistungen gestellt, so gilt Folgendes:
a) Dieser Träger leitet den Antrag unverzüglich an den zuständigen Träger des Mitgliedstaats weiter, dessen Rechtsvorschriften vorrangig gelten, teilt dies der betroffenen Person mit und zahlt unbeschadet der Bestimmungen der Durchführungsverordnung über die vorläufige Gewährung von Leistungen erforderlichenfalls den in Absatz 2 genannten Unterschiedsbetrag;
b) der zuständige Träger des Mitgliedstaats, dessen Rechtsvorschriften vorrangig gelten, bearbeitet den Antrag, als ob er direkt bei ihm gestellt worden wäre; der Tag der Einreichung des Antrags beim ersten Träger gilt als der Tag der Einreichung bei dem Träger, der vorrangig zuständig ist.
Verfahrensgegenstand
Verfahrensgegenstand ist der Abweisungsbescheid vom 19.9.2019, mit welchem der Antrag vom 26.3.2019 auf Familienbeihilfe für den im September 2018 geborenen ***6*** ***7*** ab November 2018 und für den im Jänner 2000 geborenen ***8*** ***9*** ab Februar 2018 abgewiesen wurde.
Nach der Aktenlage wurde in den Anträgen vom 13.9.2019 und 9.3.2020, die als Ergänzung des zu diesen Zeitpunkten unerledigten Antrags vom 26.3.2019 zu sehen sind, für ***6*** ***7*** Familienbeihilfe ab November 2018 beantragt. Laut Anträgen vom 26.3.2019, 13.9.2019 und vom 9.3.2020 wird für ***8*** ***9*** Familienbeihilfe ab Februar 2018 beantragt. Der Bescheid spricht daher über die jeweils beantragten Zeiträume ab.
Nach der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes ist im Fall, dass auf Grund eines seinerzeitigen Antrags weiterhin Anspruch auf Familienbeihilfe besteht, ohne dass es zwischendurch zu einem Erlöschen dieses Anspruchs kam, ein neuerlicher Antrag nicht als neuer Antrag i.S.v. § 10 Abs. 1 FLAG 1967, sondern als Urgenz der Erledigung des seinerzeitigen Antrags bzw. auf Fortzahlung von Familienbeihilfe zu sehen (vgl. BFG 11.9.2019, RV/7102155/2019). Der angefochtene Bescheid spricht daher über den zutreffenden Antrag ab.
***6*** ***7***
Der im September 2018 geborene Sohn ***6*** ***7*** war im Beschwerdezeitraum (ab November 2018) minderjährig. Seiner Mutter ***1*** ***2*** stand daher gemäß § 2 Abs. 1 lit. a FLAG 1967 für ***6*** ***7*** Familienbeihilfe zu.
Das Finanzamt hält in Bezug auf ***6*** ***7*** für strittig (Beschwerdevorentscheidung), ob ***6*** ***7*** im Beschwerdezeitraum mit seiner Mutter ***1*** ***2*** im gemeinsamen Haushalt gewohnt hat. Wie schon zur Beweiswürdigung ausgeführt, entspricht es der Lebenserfahrung, dass ein Säugling bzw. Kleinkind mit seiner Mutter zusammenlebt, außer es gibt besondere Gründe für ein Getrenntleben. Irgendwelche Anhaltspunkte für ein Getrenntleben gibt es nicht. Gemäß der Bestätigung des Obecní úřad ***14*** vom 2.11.2020 wohnten ***1*** ***2*** und ***6*** ***7*** ab September 2018 gemeinsam in ***19***, ***20*** und ab April 2019 gemeinsam in ***14***, U ***18***.
Aus der Generalvollmacht für die nunmehr einschreitende Vertreterin ergibt sich, dass ***17*** ***14***, U ***18*** die Anschrift und ***3*** ***4***, Scota ***5*** die "Korrespondenzadresse" ist.
Das Bundesfinanzgericht hält es daher für erwiesen, dass ***6*** ***7*** im Beschwerdezeitraum mit seiner Mutter ***1*** ***2*** im gemeinsamen Haushalt gewohnt hat. Der Bf ***1*** ***2*** stehen daher für ***6*** ***7*** im Beschwerdezeitraum österreichische Familienleistungen zu.
Der angefochtene Abweisungsbescheid erweist sich daher betreffend ***6*** ***7*** als mit rechtswidrig (Art. 132 Abs. 1 Z 1 B-VG), er ist daher insoweit gemäß § 279 BAO ersatzlos aufzuheben.
Ob die österreichischen Familienleistungen um tschechische Familienleistungen zu kürzen sind (eine entsprechende Auskunft des tschechischen Trägers für den Beschwerdezeitraum liegt nicht vor), wird das Finanzamt noch zu ermitteln haben.
***8*** ***9***
***8*** ***9*** wurde im Jänner 2000 geboren. Zu Beginn des Beschwerdezeitraums (Februar 2018) hatte er das 18. Lebensjahr bereits vollendet und war daher volljährig. Voraussetzung für einen Familienbeihilfebezug ist daher, dass sich ***8*** ***9*** in Berufsausbildung befunden hat.
Unter den Begriff "Berufsausbildung" sind jedenfalls alle Arten schulischer oder kursmäßiger Ausbildung zu zählen, in deren Rahmen noch nicht berufstätigen Personen das für das künftige Berufsleben erforderliche Wissen vermittelt wird. Es muss das ernstliche und zielstrebige, nach außen erkennbare Bemühen um den Ausbildungserfolg gegeben sein. Das Ablegen von Prüfungen, die in einer Ausbildungsvorschrift vorgesehen sind, ist essenzieller Bestandteil der Berufsausbildung. Berufsausbildung liegt daher nur dann vor, wenn die Absicht zur erfolgreichen Ablegung der vorgeschriebenen Prüfungen gegeben ist. Dagegen kommt es nicht darauf an, ob tatsächlich die erfolgreiche Ablegung der Prüfungen gelingt.
Laut den vorgelegten Ausdrucken aus der Schulmatrik hat ***8*** ***9*** im Zeitraum 1.9.2017 bis 31.8.2018 eine Ausbildung "Koch-Kellner" besucht, aber hohe Fehlzeiten aufgewiesen und die Ausbildung nicht erfolgreich betrieben. Von 26.9.2018 bis 18.6.2019 hat ***8*** ***9*** eine Ausbildung "Zimmermann" besucht, die am 18.6.2019 aufgegeben worden sei. Es habe hohe Fehlzeiten gegeben, zahlreiche Fächer seien nicht beurteilt worden.
Eine Berufsausbildung gemäß § 2 Abs. 1 lit. b FLAG 1967 liegt nur dann vor, wenn die praktische und theoretische Ausbildung zuzüglich Lernen und Wiederholen zu Hause die überwiegende Zeit des Kindes in Anspruch nimmt. Angesichts der hohen Fehlzeiten und der fehlenden Prüfungserfolge stellt das Bundesfinanzgericht fest, dass der volljährige ***8*** ***9*** im Beschwerdezeitraum keine ernstliche und zielstrebige Berufsausbildung betrieben hat. Die Bf stehen daher für ***8*** ***9*** im Beschwerdezeitraum keine österreichischen Familienleistungen zu.
Hinsichtlich ***8*** ***9*** ist daher die Beschwerde als unbegründet abzuweisen.
Nichtzulassung der Revision
Gegen dieses Erkenntnis ist gemäß Art. 133 Abs. 4 Bundes-Verfassungsgesetz (B-VG) eine Revision nicht zulässig, da es sich um keine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung handelt. Die Entscheidung folgt der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes zur Berufsausbildung. Ob wirklich eine Berufsausbildung betrieben wurde, ist eine Tatfrage, die der Revision nicht zugänglich ist. Gleiches gilt für die Frage, ob sich ein Säugling bzw. Kleinkind mit seiner Mutter im selben Haushalt aufgehalten hat.
Wien, am 17. August 2022
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Normen und Schlagworte
- § 2 Abs. 2 FLAG 1967, Familienlastenausgleichsgesetz 1967, BGBl. Nr. 376/1967
- § 85 BAO, Bundesabgabenordnung, BGBl. Nr. 194/1961
- § 266 Abs. 4 BAO, Bundesabgabenordnung, BGBl. Nr. 194/1961
- Art. 76 Abs. 7 VO 883/2004, ABl. Nr. L 166 vom 30.04.2004 S. 1
- § 3 FLAG 1967, Familienlastenausgleichsgesetz 1967, BGBl. Nr. 376/1967
- § 5 Abs. 3 FLAG 1967, Familienlastenausgleichsgesetz 1967, BGBl. Nr. 376/1967
- § 10 FLAG 1967, Familienlastenausgleichsgesetz 1967, BGBl. Nr. 376/1967
- § 53 FLAG 1967, Familienlastenausgleichsgesetz 1967, BGBl. Nr. 376/1967
- § 270 BAO, Bundesabgabenordnung, BGBl. Nr. 194/1961
- Art. 67 VO 883/2004, ABl. Nr. L 166 vom 30.04.2004 S. 1
- Art. 68 VO 883/2004, ABl. Nr. L 166 vom 30.04.2004 S. 1
- § 2 Abs. 1 lit. a FLAG 1967, Familienlastenausgleichsgesetz 1967, BGBl. Nr. 376/1967
Herkunft
Herkunft dieses Textes
- Bestand
- BFG-Entscheidungen
- Dokumenttyp
- Bescheidbeschwerde - Einzel - Erkenntnis
- Geschäftszahl
- RV/7104149/2020
- ECLI
- ECLI:AT:BFG:2022:RV.7104149.2020
- Stammnummer
- 137918
- Gültig
- 17.08.2022 bis auf Weiteres
- Stand Bestandsliste
- 25.09.2026 06:13
- Von uns abgerufen
- 26.09.2026
- Quelle
- Findok – Finanzdokumentation des Bundesministeriums für Finanzen
- Lizenz
- CC0 1.0 — gemeinfrei gewidmet vom BMF