Findok · BFG-Entscheidungen
BFG RV/7101361/2020
Keine Indexierung von Familienbeihilfe und Kinderabsetzbetrag nach der Kaufkraft in den einzelnen Mitgliedstaaten bzw. Vertragsstaaten (Anlassfall zu EuGH C-163/20)
geltende FassungBescheidbeschwerde - Einzel - ErkenntnisRV/7101361/2020vom 07.07.2022Teil 1 von 2
Entscheidung in der vom BMF bzw. BFG anonymisiert veröffentlichten Fassung. Wir ergänzen oder verknüpfen keine personenbezogenen Angaben.
Rechtssatz
Der Grundsatz des Vorrangs des Unionsrechts besagt, dass das Unionsrecht dem Recht der Mitgliedstaaten vorgeht. Dieser Grundsatz verpflichtet daher alle mitgliedstaatlichen Stellen, den verschiedenen Bestimmungen des Unionsrechts volle Wirksamkeit zu verschaffen, wobei das Recht der Mitgliedstaaten die diesen Bestimmungen zuerkannte Wirkung im Hoheitsgebiet dieser Staaten nicht beeinträchtigen darf. Nach diesem Grundsatz ist ein nationales Gericht, das im Rahmen seiner Zuständigkeit die Bestimmungen des Unionsrechts anzuwenden hat und nationale Rechtsvorschriften nicht im Einklang mit den Anforderungen des Unionsrechts auslegen kann, verpflichtet, für die volle Wirksamkeit dieser Bestimmungen Sorge zu tragen, indem es erforderlichenfalls jede – auch spätere – entgegenstehende Bestimmung des nationalen Rechts aus eigener Entscheidungsbefugnis unangewendet lässt, ohne dass es die vorherige Beseitigung dieser Bestimmung auf gesetzgeberischem Weg oder durch irgendein anderes verfassungsrechtliches Verfahren beantragen oder abwarten müsste.
Der EuGH (EuGH 16. 6. 2022, C-328/20) hat eindeutig ausgesprochen, dass Art. 67 VO 883/2004 dahin auszulegen ist, dass die Familienleistungen, die ein Mitgliedstaat (Vertragsstaat) Erwerbstätigen gewährt, deren Familienangehörige in diesem Mitgliedstaat (Vertragsstaat) wohnen, exakt jenen entsprechen müssen, die er Erwerbstätigen gewährt, deren Familienangehörige in einem anderen Mitgliedstaat (Vertragsstaat) wohnen (Rn. 47). Kaufkraftunterschiede zwischen den Mitgliedstaaten (Vertragsstaaten) rechtfertigen im Hinblick auf diese Bestimmung nicht, dass ein Mitgliedstaat (Vertragsstaat) dieser zweiten Personengruppe Leistungen in anderer Höhe gewährt als der ersten Personengruppe (Rn. 47). Im Hinblick auf die Wohnsitzfiktion des Art. 67 VO 883/2004 und der Beiträge von Wanderarbeitnehmern zur Finanzierung der sozialpolitischen Maßnahmen des Aufnahmemitgliedstaats dürfen die Mitgliedstaaten (Vertragsstaaten) gemäß dieser Verordnung die Familienleistungen nicht nach Maßgabe des Wohnstaats der Kinder des Begünstigten anpassen (Rn. 51).
Eine Indexierung von Sozialleistungen für Kinder, die in einem anderen Mitgliedstaat (Vertragsstaat) wohnen als der Arbeitnehmer, an Hand der Kaufkraftunterschiede zwischen den Mitgliedstaaten (Vertragsstaaten) wäre, selbst wenn dies das Sekundärrecht zuließe, was nicht der Fall ist, nach dem Primärrecht der Union (Art. 45 AEUV) ungültig (EuGH 16. 6. 2022, C-328/20, unter Hinweis auf EuGH 15. 1. 1986, 41/84, Pinna, EU:C:1986:1).
Ist eine Person Unionsbürger, in Österreich selbständig oder nichtselbständig erwerbstätig und wohnt ihr Kind bzw. wohnen ihre Kinder ständig in einem anderen Mitgliedstaat der Union sind gemäß dem Urteil EuGH 16. 6. 2022, C-328/20 § 8a FLAG 1967 und § 33 Abs. 3 Z 2 EStG 1988 infolge Verdrängung durch das Unionsrecht § 8a FLAG 1967 und § 33 Abs. 3 Z 2 EStG 1988 nicht anzuwenden.
Wortlaut laut Findok
IM NAMEN DER REPUBLIK
Das Bundesfinanzgericht hat durch den Richter Dr. Rudolf Wanke über die Beschwerde der ***1*** ***2***, ***3***, Tschechische Republik, vom 31. Juli 2019 gegen den Bescheid des damaligen Finanzamts Hollabrunn Korneuburg Tulln, nunmehr Finanzamt Österreich, 2020 Hollabrunn, Babogassse 9, vom 17. Juli 2019, womit der "Antrag auf Gewährung der Familienbeihilfe in Höhe der in § 8 Abs. 3 und 4 des Familienlastenausgleichsgesetzes 1967 festgelegten Beträge und auf Gewährung des Kinderabsetzbetrages in Höhe des in § 33 Abs. 3 erster Satz des Einkommensteuergesetzes 1988 festgelegten Betrages" abgewiesen wird, Sozialversicherungsnummer ***4***, zu Recht erkannt:
I. Der Beschwerde wird Folge geben.
Der angefochtene Bescheid wird gemäß § 279 BAO ersatzlos aufgehoben.
II. Gegen dieses Erkenntnis ist eine (ordentliche) Revision an den Verwaltungsgerichtshof gemäß Art. 133 Abs. 4 B-VG nicht zulässig.
Entscheidungsgründe
VERFAHRENSGANG 2
Verfahren bis zum Vorabentscheidungsersuchen vom 16. April 2020 2
Antrag vom 11. Juli 2018 2
Mitteilung 4
Auszahlungen 4
Antrag vom 10. April 2019 5
Bescheid vom 17. Juli 2019 5
Beschwerde vom 31. Juli 2019 6
Beschwerdevorentscheidung vom 31. Jänner 2020 7
Vorlageantrag vom 12. Februar 2020 7
Vorlage vom 26. März 2020 8
Ergänzende Vorlage 9
Vorabentscheidungsersuchen vom 16. April 2020 9
Verfahren seit dem Vorabentscheidungsersuchen vom 16. April 2020 10
Zustellung des Vorabentscheidungsersuchens 10
Schriftliche Stellungnahmen 10
Europäische Kommission 10
Königreich Dänemark 10
Slowakische Republik 11
Republik Estland 11
Republik Litauen 12
Königreich Norwegen 12
Republik Österreich 12
Portugiesische Republik 13
Rumänien 13
Republik Slowenien 13
Tschechische Republik 14
Ungarn 14
Rechtsnachfolge der belangten Behörde 14
Aussetzung 15
Vertragsverletzungsverfahren 15
Klage der Europäischen Kommission vom 22. Juli 2020 15
Schlussanträge vom 20. 1. 2022 in der Rechtssache C-328/20 15
Urteil EuGH 16. 6. 2022, C-328/20 16
Zurücknahme des Vorabentscheidungsersuchens vom 16. April 2020 17
Äußerung der Parteien 18
DAS BUNDESFINANZGERICHT HAT ERWOGEN: 18
Sachverhalt 18
Rechtsgrundlagen 19
Standpunkte der Parteien 19
Entscheidung des EuGH 19
Verdrängungswirkung des Unionsrechts 26
Unzulässigkeit einer Indexierung an Hand der Kaufkraft in den einzelnen Mitgliedstaaten (Vertragsstaaten) 28
Nichtanwendung von § 8a FLAG 1967 und § 33 Abs. 3 Z 2 EStG 1988 29
Rechtswidrigkeit des angefochtenen Bescheids 29
Herstellung des der Rechtsanschauung des Bundesfinanzgerichtes entsprechenden Rechtszustands 29
Revisionsnichtzulassung 29
Verfahrensgang
Verfahren bis zum Vorabentscheidungsersuchen vom 16. April 2020
Antrag vom 11. Juli 2018
Mit dem Formular Beih 38 stellte die Beschwerdeführerin (Bf) ***1*** ***2*** (Pseudonymisierung durch den EuGH: AZ) am 11. Juli 2018, Eingang beim Finanzamt am 12. Juli 2018, Antrag auf Ausgleichszahlung ab Jänner 2018 bis laufend.
Die Bf sei tschechische Staatsbürgerin, verheiratet, wohne in ***3***, Tschechische Republik. Sie sei bei verschiedenen näher angeführten österreichischen Arbeitgebern beschäftigt, erstmals ab Juni 2016.
Die Kindererziehung erfolge im gemeinsamen Haushalt mit dem Vater ***5*** ***2***, tschechischer Staatsbürger, bei einem tschechischen Arbeitgeber beschäftigt.
Ausgleichszahlung werde ab Jänner 2018 bis laufend für den im August 2009 geborenen Sohn ***6*** ***2*** beantragt. Dieser sei Schüler einer näher angeführten Grundschule in der Tschechischen Republik. Ferner werde Ausgleichszahlung ab Jänner 2018 bis laufend für den im Mai 2012 geborenen Sohn ***5*** ***2*** beantragt. Dieser werde ab September 2018 eine näher angeführte Grundschule in der Tschechischen Republik besuchen.
Beigefügt waren:
Arbeitsbescheinigung gemäß § 46 Abs. 3 ASVG betreffend eine Beschäftigung der Bf als Arbeitnehmerin an fünf Tagen in der Woche zwischen 1. September 2017 und 7. Jänner 2018 bei einem österreichischen Arbeitgeber.
Bestätigung eines österreichischen Sozialdienstes, wonach die Bf seit Februar 2017 im Bereich Pflege im Rahmen eines freien Dienstvertrags geringfügig beschäftigt sei.
Dienstvertrag mit einem österreichischen Arbeitgeber über eine unbefristete Beschäftigung als Hilfsarbeiterin ab Mai 2018 mit einer wöchentlichen Normalarbeitszeit von 16 Stunden.
Erklärung der Bf auf einem internen Formblatt des Finanzamts, dass die Formulare E 401 und E 411 beim ersten Antrag enthalten gewesen seien und dass die Bf neben der Beschäftigung in Österreich in ihrem Heimatland keiner selbständigen oder nichtselbständigen Erwerbstätigkeit nachgehe oder nachgegangen sei.
Aktenkundig sind folgende Bescheinigungen des zuständigen tschechischen Trägers:
Formular E 401, bestätigt vom Úřad Práce ČR, krajská poboča v Brně am 24. September 2018, wonach die Mutter ***1*** ***2***, der Vater ***5*** ***2*** und die Söhne ***6*** ***2*** und ***5*** ***2*** im gemeinsamen Haushalt in ***3***, Tschechische Republik, wohnen und der Vater in der Tschechischen Republik eine Erwerbstätigkeit ausübe.
Formular E 411, bestätigt vom Úřad Práce ČR, krajská poboča v Brně am 24. September 2018, wonach der Vater vom 1. Juni 2016 (Anfragedatum) bis laufend eine berufliche Tätigkeit ausgeübt habe. Von Juni 2016 bis September 2016 habe ein Anspruch auf Familienleistungen bestanden, von Oktober 2016 bis September 2018 nicht. Die Begründung für letzteres ist offenbar zu hohes Familieneinkommen (vyšší příjmy). Für ***6*** ***2*** sei Kindergeld (Přídavek na dítě) von 610 CZK von Juni 2016 bis September 2016 gewährt worden, für ***5*** ***2*** in diesem Zeitraum ein solches von 500 CZK.
Formular E 411, bestätigt vom Úřad Práce ČR, krajská poboča v Brně am 12. Dezember 2018, wonach der Vater vom 1. Oktober 2018 (Anfragedatum) bis laufend eine berufliche Tätigkeit ausgeübt habe. In dieser Zeit habe ein Anspruch auf Familienleistungen nicht bestanden (vyšší příjmy).
Ferner sind aktenkundig die Sozialversicherungsdaten der österreichischen Beschäftigungsverhältnisse der Bf.
Mitteilung
Das Finanzamt übermittelte der Bf am 25. März 2019 eine Mitteilung über den Bezug der Ausgleichszahlung:
Nach Überprüfung Ihres Anspruches auf Ausgleichszahlung wird Ihnen gemäß der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 und der Durchführungsverordnung (EG) Nr. 987/2009 Ausgleichszahlung in folgendem Umfang gewährt:
Name des Kindes VNR/Geb.dat. von - bis Wohnstaat
***2*** ***5*** … 05 12 Juli 2016-März 2020 CZ
***2*** ***6*** … 08 09 Juli 2016-März 20202 CZ
[Grafik]
Auszahlungen
Laut Bericht des Finanzamts hat die monatliche Ausgleichszahlung für beide Kinder bis Dezember 2018 insgesamt 374,80 € (238,00 € Familienbeihilfenanteil, 116,80 € Kinderabsetzbetraganteil) betragen, seit Jänner 2019 monatlich insgesamt 232,00 € (159,70 € Familienbeihilfeanteil, 72,30 € Kinderabsetzbetraganteil).
1. Kind:
Familienbeihilfe € 129,00
Kinderabsetzbetrag € 58,40
2. Kind:
Familienbeihilfe € 148,60
Kinderabsetzbetrag € 58,40
Gesamt
€ 394,40
Antrag vom 10. April 2019
Die Beschwerdeführerin (Bf) ***1*** ***2***, stellte am 10. April 2019 (beim Finanzamt eingelangt am 11. April 2019) folgenden Antrag ersichtlich auf Auszahlung der Ausgleichszahlung / Differenzzahlung (des Unterschiedsbetrags) gemäß Art. 68 Abs. 2 VO (EG) 883/2004 unter Zugrundelegung der Höhe der Familienbeihilfe und des Kinderabsetzbetrags, wie diese für ein Kind, das sich ständig in Österreich aufhält, ausgezahlt werden:
Betrifft: Antrag auf volle nichtindexierte Ausgleichszahlung der Familienbeihilfe VSNr.: ***4***
Sehr geehrte Damen und Herren,
wie ich auf meinen Kontoauszügen feststellen konnte, ergibt sich bei der Auszahlung der Familienbeihilfe bei mir eine Kürzung durch die Indexierung der Ausgleichzahlung. Da ich damit nicht einverstanden bin, stelle ich hiermit den Antrag auf Gewärung der Differenz und bitte Sie um einen entsprechenden Bescheid.
Mit freundlichen Grüssen
***2*** ***1***
Bescheid vom 17. Juli 2019
Mit Bescheid vom 17. Juli 2019 wies das Finanzamt Hollabrunn Korneuburg Tulln den "Antrag auf Gewährung der Familienbeihilfe in Höhe der in § 8 Abs. 3 und 4 des Familienlastenausgleichsgesetzes 1967 festgelegten Beträge und auf Gewährung des Kinderabsetzbetrages in Höhe des in § 33 Abs. 3 erster Satz des Einkommensteuergesetzes 1988 festgelegten Betrages" ab und führte dazu begründend aus:
Ihr Schreiben vom 11. April 2019 wird als Antrag auf Gewährung der Familienbeihilfe in Höhe der in § 8 Abs. 3 und 4 des Familienlastenausgleichsgesetzes 1967 festgelegten Beträge und auf Gewährung des Kinderabsetzbetrages in Höhe des in § 33 Abs. 3 erster Satz des Einkommensteuergesetzes 1988 festgelegten Betrages gewertet.
Gemäß § 8a des Familienlastenausgleichsgesetzes 1967 sind die Beträge an Familienbeihilfe und gemäß § 33 Abs. 3 Z 2 des Einkommensteuergesetzes 1988 ist der Kinderabsetzbetrag für Kinder, die sich ständig in einem anderen Mitgliedstaat der EU oder Hoheitsgebiet einer anderen Vertragspartei des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum oder der Schweiz aufhalten, an das Preisniveau des Wohnortstaates anzupassen. Die Beträge an Familienbeihilfe nach § 8a des Familienlastenausgleichsgesetzes 1967 und des Kinderabsetzbetrages nach § 33 Abs. 3 Z 3 Z 2 des Einkommensteuergesetzes 1988 wurden mit der Familienbeihilfe-Kinderabsetzbetrag-EU-Anpassungsverordnung (BGBl. II Nr. 318/2018) kundgemacht und gelten ab 1.1.2019.
Da sich ihr Kind/ihre Kinder ständig in der Tschechischen Republik aufhält/aufhalten, besteht nur ein Anspruch auf die Familienbeihilfe nach § 8a des Familienlastenausgleichsgesetzes 1967 sowie auf den Kinderabsetzbetrag nach § 33 Abs. 3 Z 2 des Einkommensteuergesetzes 1988, und ihr Antrag wird daher abgewiesen.
Beschwerde vom 31. Juli 2019
Mit Schreiben vom 31. Juli 2019, beim Finanzamt eingelangt am 1. August 2019, erhob die Bf Beschwerde gegen den Abweisungsbescheid vom 17. Juli 2019 und führte unter anderem aus:
Gegen Ihren Abweisungsbescheid vom 17.7.2019 erhebe ich innerhalb offener Frist
BESCHWERDE
und begründe dies wie folgt:
Die Kürzung der Familienbeihilfe für meine Kinder ist rechtswidrig da sie in eklatanter Weise gegen geltendes EU-Recht verstößt. Eine Indexierung von Familienleistungen sieht das EU-Recht nicht vor.
Ich verweise hierzu auf nachfolgende Verordnungen/Rechtsprechungen:
(EG) Nr. 883/2004, Art. 48 AEUV, VO (EU) 492/2011. Art. 67 der VO 883/2004, Art. 4 der VO 883/2004 und Art. 45 AEUV wie auch die Rechtssache "Pinna 41/84" - Urteil des EuGH vom 15.01.1986, ECLI-Identifikator: ECLI:EU:C:1986:1, Verbot von Diskriminierungen aufgrund der Staatsangehörigkeit - Generalklausel in Art. 12 EGV, die aussagen, dass alle EU-Bürger in gleicher Weise zu behandeln sind.
Vergl. hierzu "Österreichische Gesellschaft für Europapolitik - Prof. Dr. Franz Leidenmühler" und die Stellungnahme der Volksanwaltschaft - MR Dr. Heidi Pacher vom 15.01.2018 an Frau Mag. Dr. Juliane Bogner Strauß.
Durch die Indexierung werde ich zweifelsfrei gegenüber Ihren Landsleuten diskriminiert und zwar nur deshalb, dass meine Kinder im Ausland wohnen.
Anmerkung:
Die Grundlage für das Gesetz zur Indexierung von Familienleistungen basiert auf einem "Rechtsgutachten zur Neugestaltung der Familienbeihilfe für Kinder, die im EU-Ausland leben für das BM für Finanzen, erstattet von Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Mazal Wien, den 20. Februar 2017". Weitere Gutachten wurden hier nicht zu Rate gezogen.
Dieses Gutachten vernachlässigt die Tatsache, dass für eine Indexierung der Familienleistungen zuerst die EU-Verordnung 883/2004 zu ändern ist. Hierzu wäre eine 2/3-Mehrheit der noch verbliebenen EU-Staaten erforderlich. Eine derartige Abstimmung im EU-Parlament diesbezüglich ist derzeit weder geplant, noch absehbar.
Entsprechende Mehrheiten werden kaum zu erreichen sein.
Daher gilt folgendes festzustellen:
Die Abgaben entrichte ich in der gleichen Höhe wie ein österreichischer Staatsbürger. Der EuGH bereitet zwischenzeitlich ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Österreich vor. Die zuständige EU-Sozialkommissarin Marianne Thyssen hatte Österreichs Pläne in der Vergangenheit wiederholt kritisch beurteilt und vor einer Diskriminierung gewarnt. So hatte Frau Thyssen erst vor wenigen Wochen in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage daran erinnert, dass der EU-Vertrag jegliche Diskriminierung - direkt oder indirekt - von Arbeitnehmern auf Grundlage der Nationalität verbiete.
Nach geltendem EU-Recht haben mobile Arbeiter denselben Anspruch auf Familienleistungen wie lokale Arbeitnehmer, "unabhängig vom Wohnort der betroffenen Kinder". Für dieselben gezahlten Beiträge in einem Arbeitskontext haben dieselben Leistungen anzufallen und zu gelten. Das EU-Parlament hat sich gegen eine Indexierung ausgesprochen.
Mit freundlichen Grüßen
***2*** ***1***
Beschwerdevorentscheidung vom 31. Jänner 2020
Mit Beschwerdevorentscheidung vom 31. Jänner 2020 wies das Finanzamt die Beschwerde als unbegründet ab und führte dazu im Wesentlichen inhaltsgleich mit dem angefochtenen Bescheid und ohne mit auch nur einem Wort in der Sache auf das Vorbringen der Bf ein zugehen aus:
Sie haben mit Schreiben vom 11.04.2019 Familienbeihilfe/Ausgleichszahlung in "voller" nichtindexierter Höhe beantragt. Dieser Antrag wurde mit Bescheid vom 17.07.2019 abgewiesen, wogegen sich Ihre Beschwerde vom 01.08.2019 richtet. Darin bringen Sie vor, dass das EU-Recht eine Indexierung von Familienleistungen nicht vorsehe und eine Diskriminierung vorliege, da Ihre Kinder im Ausland wohnen.
Nach den innerstaatlichen Rechtsvorschriften des § 8a FLAG 1967 und § 33 Abs. 3 Z 2 des EStG 1988 sind die Beträge an Familienbeihilfe und der Kinderabsetzbetrag für Kinder, die sich ständig in einem anderen Mitgliedstaat der EU oder Hoheitsgebiet einer anderen Vertragspartei des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum oder der Schweiz aufhalten, an das Preisniveau des Wohnortstaates anzupassen. Die Beträge an Familienbeihilfe nach § 8a des FLAG 1967 und des Kinderabsetzbetrages nach § 33 Abs. 3 Z 2 des EStG 1988 wurden mit der Familienbeihilfe-Ki nderabsetzbetrag-EU-Anpassungsverordnu ng (BGBl. II Nr. 318/2018) kundgemacht und gelten a b 1.1.2019.
Da sich Ihr/Ihre Kinder ständig in der Tschechischen Republik aufhalten, besteht nur ein Anspruch auf die Familienbeihilfe nach § 8a FLAG 1967 sowie den Kinderabsetzbetrag nach § 33 Abs. 3 Z 2 EStG 1988 (= indexierte Beträge).
Ihre Beschwerde war daher abzuweisen.
Vorlageantrag vom 12. Februar 2020
Am 13. Februar 2020 (Postaufgabe) brachte die Bf einen mit 12. Februar 2020 datierten Vorlageantrag direkt beim Bundesfinanzgericht ein, der dort am 18. Februar 2020 einlangte und von diesem am 20. Februar 2020 an das Finanzamt weitergeleitet wurde.
Der Vorlageantrag wiederholt das Vorbringen in der Beschwerde und schließt mit folgendem Antrag:
Insofern das Gericht zu keiner Entscheidung gelangt, beantrage ich hiermit, den Fall an den Europäischen Gerichtshof zu verweisen.
Vorlage vom 26. März 2020
Mit Bericht vom 26. März 2020 legte das Finanzamt die Beschwerde dem Bundesfinanzgericht zur Entscheidung vor und führte unter anderem aus:
Inhaltsverzeichnis zu den vorgelegten Aktenteilen (Aktenverzeichnis)
Beschwerde
1 Beschwerde 31.07.2019
Bescheide
2 Familienbeihilfe (Monat: 01.2019) 17.07.2019
Antrag / Anzeige an die Behörde
3 Antrag Familienbeihilfe 10.04.2019
Beschwerdevorentscheidung
4 Beschwerdevorentscheidung 31.01.2020
Vorlageantrag
5 Vorlageantrag 12.02.2020
Bezughabende Normen
§ 8a FLAG 1967; § 33 Abs 3 Z 2 EStG 1988
Sachverhalt und Anträge
Sachverhalt:
Die Beschwerdeführerin (Bf.) stellte einen Antrag auf Auszahlung der vollen, nicht indexierten Ausgleichszahlung, weil es durch die Indexierung der Familienbeihilfeleistungen ab 1.1.2019 zu einer Kürzung ihrer Ausgleichszahlung gekommen ist. Dieser Antrag wurde als Antrag auf Gewährung der Familienbeihilfe in Höhe der in § 8 Abs 3 und 4 des FLAG 1967 festgelegten Beträge und auf Gewährung des Kinderabsetzbetrages in Höhe der in § 33 Abs 3 erster Satz des EStG 1988 festgelegten Betrages gewertet und, nachdem sich die Kinder der Bf. ständig in der Tschechischen Republik aufhalten, gemäß den gesetzlichen Vorschriften, die besagen, dass Beträge der Familienbeihilfe und des Kinderabsetzbetrages an das Preisniveau des Wohnortstaates anzupassen sind, abgewiesen. Dagegen richtet sich die Beschwerde, die insbesondere die Rechtswidrigkeit der österreichischen Gesetzeslage ins Treffen führt, da sie zu einer Diskriminierung von EU-Bürgern führe und daher gegen geltendes Europarecht verstoße.
Beweismittel:
laut Beilagen
Stellungnahme:
Gemäß § 8a des Familienlastenausgleichsgesetzes 1967 sind die Beträge an Familienbeihilfe und gemäß § 33 Abs. 3 Z 2 des Einkommensteuergesetzes 1988 ist der Kinderabsetzbetrag für Kinder, die sich ständig in einem anderen Mitgliedstaat der EU oder Hoheitsgebiet einer anderen Vertragspartei des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum oder der Schweiz aufhalten, an das Preisniveau des Wohnortstaates anzupassen. Die Beträge an Familienbeihilfe nach § 8a des Familienlastenausgleichsgesetzes 1967 und des Kinderabsetzbetrages nach § 33 Abs. 3 Z 2 des Einkommensteuergesetzes 1988 wurden mit der Familienbeihilfe-Kinderabsetzbetrag-EU-Anpassungsverordnung (BGBl. II Nr. 318/2018) kundgemacht und gelten ab 1.1.2019. Da sich das Kind/die Kinder ständig in der Tschechischen Republik aufhält/aufhalten, besteht nur ein Anspruch auf die Familienbeihilfe nach § 8a des Familienlastenausgleichsgesetzes 1967 sowie auf den Kinderabsetzbetrag nach § 33 Abs. 3 Z 2 des Einkommensteuergesetzes 1988. Das FA hat aufgrund der geltenden österreichischen Rechtslage zu entscheiden und kann auf eine allfällige Europarechtswidrigkeit nicht Bedacht nehmen. Das BFG wird um Abweisung der Beschwerde oder bei Bedarf um Einleitung eines Vorabentscheidungsverfahrens vor dem EuGH gemäß Artikel 267 AEUV ersucht.
Ergänzende Vorlage
Über Ersuchen des Gerichts legte das Finanzamt am 2. April 2020 weitere Aktenteile ergänzend vor (in der obigen Darstellung des Verfahrensgangs bereits berücksichtigt).
Vorabentscheidungsersuchen vom 16. April 2020
Mit Beschluss BFG 16. 4. 2020, RE/7100001/2020, ecli:at:bfg:2020:re.7100001.2020, legte das Bundesfinanzgericht dem Gerichtshof der Europäischen Union gemäß Artikel 267 AEUV folgende Frage zur Vorabentscheidung vor:
"Sind Artikel 18 und Artikel 45 Absatz 1 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union, Artikel 7 Absätze 1 und 2 der Verordnung (EG) Nr. 492/2011 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 5. April 2011 über die Freizügigkeit der Arbeitnehmer innerhalb der Union, Artikel 4, Artikel 5 Buchstabe b, Artikel 7 und Artikel 67 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit sowie Artikel 60 Absatz 1 Satz 2 der Verordnung (EG) Nr. 987/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. September 2009 zur Festlegung der Modalitäten für die Durchführung der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 über die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit dahin auszulegen, dass sie der Anwendung einer nationalen Regelung entgegenstehen, die vorsieht, dass Familienleistungen für ein Kind, das sich nicht tatsächlich ständig in dem diese Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat, sondern tatsächlich in einem anderen Mitgliedstaat der Europäischen Union, einer anderen Vertragspartei des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum oder der Schweiz aufhält, auf Basis der vom Statistischen Amt der Europäische Union veröffentlichten vergleichenden Preisniveaus für den jeweiligen Staat im Verhältnis zu dem die Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat anzupassen sind?"
Der Beschluss wurde den Parteien des verwaltungsgerichtlichen Verfahrens zugestellt und in der FINDOK veröffentlicht. Dort sind auch die Erwägungen des Bundesfinanzgerichts dargestellt. Vom Gerichtshof wurde für das Vorabentscheidungsverfahren die Zahl C-163/20 vergeben.
Verfahren seit dem Vorabentscheidungsersuchen vom 16. April 2020
Zustellung des Vorabentscheidungsersuchens
Der Kanzler des Gerichtshofs der Europäischen Union teilte dem Bundesfinanzgericht mit Note vom 28. Mai 2020 zur Zahl C-163/20 mit, dass das Vorabentscheidungsersuchen den in Art. 23 der Satzung des Gerichtshofs bezeichneten Parteien und sonstigen Beteiligten zugestellt worden sei, um deren etwaige Stellungnahmen einzuholen.
Schriftliche Stellungnahmen
Der Kanzler des Gerichtshofs der Europäischen Union übermittelte dem Bundesfinanzgericht am 18. November 2020 zur Zahl C-163/20 die in der Sache ergangenen Schriftsätze der Verfahrensbeteiligten (Hervorhebungen in den vorgeschlagenen Antworten durch das BFG, eine Wiedergabe der jeweiligen Erwägungen unterbleibt im Hinblick auf deren Umfang).
Europäische Kommission
Die Europäische Kommission schlug in ihrer schriftlichen Erklärung vom 2. September 2020 nach Darlegung ihrer Erwägungen folgende Antwort auf die Vorlagefrage vor:
"1. Artikel 7 und Artikel 67 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 sind dahin auszulegen, dass sie einer nationalen Regelung entgegenstehen, wonach Familienleistungen für ein Kind, das sich nicht tatsächlich ständig in dem diese Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat, sondern in einem anderen Mitgliedstaat aufhält, auf Basis der vom Statistischen Amt der Europäischen Union veröffentlichten vergleichenden Preisniveaus für den jeweiligen Staat im Verhältnis zu dem die Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat anzupassen sind;
2. Artikel 7 Absatz 2 der Verordnung (EG) Nr. 492/2011 sowie Artikel 4 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 sind dahin auszulegen, dass sie einer nationalen Regelung entgegenstehen, weil diese eine mittelbare Diskriminierung dadurch verursacht, dass Familienleistungen für ein Kind, das sich nicht tatsächlich ständig in dem diese Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat, sondern in einem anderen Mitgliedstaat aufhält, auf Basis der vom Statistischen Amt der Europäischen Union veröffentlichten vergleichenden Preisniveaus für den jeweiligen Staat im Verhältnis zu dem die Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat anzupassen sind."
Königreich Dänemark
Die dänische Regierung schlug in ihrer schriftlichen Erklärung vom 10. September 2020 nach Darlegung ihrer Erwägungen folgende Antwort auf die Vorlagefrage vor:
"Art. 18 und Art. 45 Abs. 1 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union, Art. 7 Abs. 1 und 2 der Verordnung (EU) Nr. 492/201 1 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 5. April 2011 über die Freizügigkeit der Arbeitnehmer innerhalb der Union, Art. 4, Art. 5 Buchst, b, Art. 7 und Art. 67 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit sowie Art. 60 Abs. 1 S. 2 der Verordnung (EG) Nr. 987/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. September 2009 zur Festlegung der Modalitäten für die Durchführung der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 über die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit sind dahin auszulegen, dass sie der Anwendung einer nationalen Regelung nicht entgegenstehen, die vorsieht, dass Familienleistungen für ein Kind, das sich nicht tatsächlich ständig in dem diese Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat, sondern tatsächlich in einem anderen Mitgliedstaat der Europäischen Union, einer anderen Vertragspartei des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum oder der Schweiz aufhält, auf Basis der vom Statistischen Amt der Europäischen Union veröffentlichten vergleichenden Preisniveaus für den jeweiligen Staat im Verhältnis zu dem die Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat anzupassen sind."
Slowakische Republik
Die Slowakische Republik schlug in ihrer schriftlichen Erklärung vom 4. August 2020 nach Darlegung ihrer Erwägungen folgende Antwort auf die Vorlagefrage vor:
"Die Art. 18 und 45 Abs. 1 AEUV, Art. 7 Abs. 1 und 2 der Verordnung (EU) Nr. 492/2011 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 5. April 2011 über die Freizügigkeit der Arbeitnehmer innerhalb der Union, die Art. 4, 5 Buchst, b, 7 und 67 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit sowie Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der Verordnung (EG) Nr. 987/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. September 2009 zur Festlegung der Modalitäten für die Durchführung der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 über die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit sind dahin [Or. 14] auszulegen, dass sie einer nationalen Regelung wie der im Ausgangsverfahren fraglichen entgegenstehen, die vorsieht, dass Familienleistungen für ein Kind, das sich nicht tatsächlich ständig in dem diese Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat, sondern tatsächlich in einem anderen Mitgliedstaat der Europäischen Union, einer anderen Vertragspartei des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum oder der Schweiz aufhält, auf Basis der vom Statistischen Amt der Europäischen Union veröffentlichten vergleichenden Preisniveaus für den jeweiligen Staat im Verhältnis zu dem die Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat anzupassen sind."
Republik Estland
Die Regierung der Republik Estland schlug in ihrer schriftlichen Erklärung vom 2. September 2020 nach Darlegung ihrer Erwägungen folgende Antwort auf die Vorlagefrage vor:
"Art. 7 der Verordnung (EU) Nr. 492/2011 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 5. April 2011, Art. 4, Art. 5, Art. 7 und Art. 67 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004, Art. 60 der Verordnung (EG) Nr. 987/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. September 2009 und Art. 45 Abs. 1 AEUV sind dahin auszulegen, dass sie der Anwendung einer nationalen Regelung entgegenstehen, die vorsieht, dass Familienleistungen für ein Kind, das sich nicht tatsächlich ständig in dem diese Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat, sondern tatsächlich in einem anderen Mitgliedstaat der Europäischen Union, einer anderen Vertragspartei des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum oder der Schweiz aufhält, auf Basis der vom Statistischen Amt der Europäische Union veröffentlichten vergleichenden Preisniveaus für den jeweiligen Staat im Verhältnis zu dem die Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat anzupassen sind."
Republik Litauen
Die Regierung der Republik Litauen schlug in ihrer schriftlichen Erklärung vom 4. September 2020 nach Darlegung ihrer Erwägungen folgende Antwort auf die Vorlagefrage vor:
"Art. 18 und Art. 45 Abs. 1 AEUV, Art. 7 Abs. 1 und 2 der Verordnung Nr. 492/2011, Art. 4, Art. 5 Buchst, b, Art. 7 und Art. 67 der Verordnung Nr. 883/2004 sowie Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der Verordnung Nr. 987/2009 sind dahin auszulegen, dass sie der Anwendung einer nationalen Regelung entgegenstehen, die vorsieht, dass Familienleistungen für ein Kind, das sich nicht tatsächlich ständig in dem diese Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat, sondern tatsächlich in einem anderen Mitgliedstaat der Europäischen Union, einer anderen Vertragspartei des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum oder der Schweiz aufhält, auf Basis der vom Statistischen Amt der Europäischen Union veröffentlichten vergleichenden Preisniveaus für den jeweiligen Staat im Verhältnis zu dem die Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat anzupassen sind."
Königreich Norwegen
Das Königreich Norwegen schlug in seiner schriftlichen Erklärung vom 7. September 2020 nach Darlegung seiner Erwägungen folgende Antwort auf die Vorlagefrage vor:
"Die Art. 18 und 45 Abs. 1 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union, Art. 7 Abs. 1 und 2 der Verordnung (EU) Nr. 492/201 1 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 5. April 2011 über die Freizügigkeit der Arbeitnehmer innerhalb der Union, Art. 4, Art. 5 Buchst, b, Art. 7 und Art. 67 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004 über die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit sowie Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der Verordnung (EG) Nr. 987/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. September 2009 zur Festlegung der Modalitäten für die Durchführung der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 über die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit sind nicht dahin auszulegen, dass sie der Anwendung einer nationalen Regelung entgegenstehen, die vorsieht, dass Familienleistungen für ein Kind, das sich nicht tatsächlich ständig in dem diese Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat, sondern tatsächlich in einem anderen Mitgliedstaat der Europäischen Union oder einer anderen Vertragspartei des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum aufhält, auf Basis der vom Statistischen Amt der Europäischen Union veröffentlichten vergleichenden Preisniveaus für den jeweiligen Staat im Verhältnis zu dem die Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat anzupassen sind."
Republik Österreich
Die Republik Österreich schlug in ihrer schriftlichen Erklärung vom 10. September 2020 nach Darlegung ihrer Erwägungen folgende Antwort auf die Vorlagefrage vor:
"Art. 45 AEUV, Art. 7 der Verordnung 492/2011, Art. 67 der Verordnung 882/2004 und Art. 60 der Verordnung 987/2009 sind dahin gehend auszulegen, dass sie einer nationalen Regelung, die vorsieht, dass Familienleistungen für ein Kind, das sich tatsächlich nicht ständig in dem diese Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat, sondern in einem anderen Mitgliedstaat der Europäischen Union, einer anderen Vertragspartei des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum oder der Schweiz aufhält, auf Basis der vom Statistischen Amt der Europäische Union veröffentlichten vergleichenden Preisniveaus für den jeweiligen Staat im Verhältnis zu dem die Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat anzupassen sind, nicht entgegenstehen."
Portugiesische Republik
Die portugiesische Regierung schlug in ihrer schriftlichen Erklärung vom 4. September 2020 nach Darlegung ihrer Erwägungen folgende Antwort auf die Vorlagefrage vor:
"Die Art. 18, 45 und 48 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union, die Art. 4, 5 Buchst, b, 7 und 67 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004 [Or. 19] zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit sowie Art. 7 Abs. 1 und 2 der Verordnung (EU) Nr. 492/2011 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 5. April 2011 über die Freizügigkeit der Arbeitnehmer innerhalb der Union, sind dahin auszulegen, dass sie der Anwendung einer nationalen Regelung entgegenstehen, die vorsieht, dass Familienleistungen für ein Kind, das sich nicht tatsächlich ständig in dem diese Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat, sondern tatsächlich in einem anderen Mitgliedstaat der Europäischen Union, einer anderen Vertragspartei des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum oder der Schweiz aufhält, auf Basis der vom Statistischen Amt der Europäischen Union veröffentlichten vergleichenden Preisniveaus für den jeweiligen Staat im Verhältnis zu dem die Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat anzupassen sind."
Rumänien
Die rumänische Regierung schlug in ihrer schriftlichen Erklärung vom 7. September 2020 nach Darlegung ihrer Erwägungen folgende Antwort auf die Vorlagefrage vor:
"Die Art. 18 und 45 AEUV, Art. 7 Abs. 1 und 2 der Verordnung (EU) Nr. 492/2011, Art. 4, 5 Buchst, h, Art. 7 und 67 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 sowie Art. 60 Abs. 1 der Verordnung (EG) Nr. 987/2009 sind dahin auszulegen, dass sie Rechtsvorschriften wie den in der vorliegenden Rechtssache fraglichen entgegenstehen, die vorsehen, dass Familienleistungen für ein Kind, das sich nicht tatsächlich ständig in dem die Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat, sondern tatsächlich in einem anderen Mitgliedstaat der Europäischen Union, einer anderen Vertragspartei des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum oder der Schweiz aufhält, auf Basis der vom Statistischen Amt der Europäischen Union veröffentlichten vergleichenden Preisniveaus für den jeweiligen Staat im Verhältnis zu dem die Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat anzupassen sind."
Republik Slowenien
Die Republik Slowenien schlug in ihrer schriftlichen Erklärung vom 7. September 2020 nach Darlegung ihrer Erwägungen folgende Antwort auf die Vorlagefrage vor:
"Artikel 18 und Artikel 45 Absatz 1 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union, Artikel 7 Absätze 1 und 2 der Verordnung (EU) Nr. 492/2011 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 5. April 2011 über die Freizügigkeit der Arbeitnehmer innerhalb der Union, Artikel 4, Artikel 5 Buchstabe b, Artikel 7 und Artikel 67 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit sowie Artikel 60 Absatz 1 Satz 2 der Verordnung (EG) Nr. 987/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. September 2009 zur Festlegung der Modalitäten für die Durchführung der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 über die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit sind dahin auszulegen, dass sie der Anwendung einer nationalen Regelung entgegenstehen, die vorsieht, dass Familienleistungen für ein Kind, das sich nicht tatsächlich ständig in dem diese Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat, sondern tatsächlich in einem anderen Mitgliedstaat der Europäischen Union, einer anderen Vertragspartei des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum oder der Schweiz aufhält, auf Basis der vom Statistischen Amt der Europäischen Union veröffentlichten vergleichenden Preisniveaus für den jeweiligen Staat im Verhältnis zu dem die Familienleistungen zahlenden Mitgliedstaat anzupassen sind."
Tschechische Republik
Die Republik Slowenien schlug in ihrer schriftlichen Erklärung vom 10. September 2020 nach Darlegung ihrer Erwägungen folgende Antwort auf die Vorlagefrage vor:
"Die Art. 4, 7 und 67 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit und Art. 60 Abs. 1 der Verordnung (EG) Nr. 987/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. September 2009 zur Festlegung der Modalitäten für die Durchführung der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 über die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit sowie Art. 7 Abs. 2 der Verordnung (EC) Nr. 492/2011 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 5. April 2011 über die Freizügigkeit der Arbeitnehmer innerhalb der Union stehen einer nationalen Regelung wie der im Ausgangsverfahren fraglichen, wonach Familienleistungen für ein Kind, das nicht in dem diese Familienleistungen auszahlenden Mitgliedstaat, sondern in einem anderen Mitgliedstaat wohnt, auf Basis des vergleichenden Preisniveaus des Mitgliedstaats, in dem das Kind wohnt, im Verhältnis zu dem [die Leistung] gewährenden Mitgliedstaat anzupassen sind, entgegen."
Ungarn
Die ungarische Regierung schlug in ihrer schriftlichen Erklärung vom 11. September 2020 nach Darlegung ihrer Erwägungen folgende Antwort auf die Vorlagefrage vor:
"Art. 45 AEUV, Art. 4, 7 und 67 der Verordnung Nr. 883/2004, Art. 60 Abs. 1 der Verordnung Nr. 987/2009 sowie Art. 7 Abs. 1 und 2 der Verordnung Nr. 492/2011 sind dahin auszulegen, dass sie einer Regelung eines Mitgliedstaats entgegenstehen, nach der die Höhe der Familienleistungen nach dem allgemeinen Preisniveau des Mitgliedstaats festzusetzen ist, in dem das Kind des anspruchsberechtigten Arbeitnehmers wohnt."
Rechtsnachfolge der belangten Behörde
Über Ersuchen der Kanzlei des Gerichtshofs der Europäischen Union bestätigte das Bundesfinanzgericht am 15. Jänner 2021, dass das Finanzamt Österreich seit 1. 1. 2021 Rechtsnachfolger des Finanzamts Hollabrunn Korneuburg Tulln ist.
Aussetzung
Der Kanzler des Gerichtshofs der Europäischen Union teilte am 14. Jänner 2021, eingelangt 21. Jänner 2021, zur Zahl C-163/20 mit, dass der Präsident des Gerichtshofes mit Entscheidung vom 13. Jänner 2021 das Verfahren gemäß Art. 11 Abs. 1 Buchst. b Verfahrensordnung des Gerichtshofs der Europäischen Union ausgesetzt hat.
Vertragsverletzungsverfahren
Klage der Europäischen Kommission vom 22. Juli 2020
Nach Stellung des Vorabentscheidungsersuchens des Bundesfinanzgerichts reichte die Europäische Kommission mit Beschluss vom 14. Mai 2020 im Verfahren INFR(2018)2372 am 22. Juli 2020 Klage gegen die Republik Österreich beim Gerichtshof der Europäischen Union ein, die zur Zahl C-328/20 protokolliert wurde.
Die Klägerin beantragt, der Gerichtshof möge
- feststellen, dass die Republik Österreich durch die Einführung eines Anpassungsmechanismus in Bezug auf die Familienbeihilfe und den Kinderabsetzbetrag für Erwerbstätige, deren Kinder ständig in einem anderen Mitgliedstaat wohnen, gegen ihre Verpflichtungen aus Artikel 7 und Artikel 67 der Verordnung (EG) Nr. 883/20041 sowie gegen ihre Verpflichtungen aus Artikel 4 der Verordnung Nr. 883/2004 und Artikel 7 Absatz 2 der Verordnung (EU) Nr. 492/20112 verstoßen hat;
- feststellen, dass die Republik Österreich außerdem durch die Einführung eines Anpassungsmechanismus in Bezug auf den Familienbonus Plus, den Alleinverdienerabsetzbetrag, den Alleinerzieherabsetzbetrag und den Unterhaltsabsetzbetrag für Wanderarbeitnehmer, deren Kinder ständig in einem anderen Mitgliedstaat wohnen, gegen ihre Verpflichtungen aus Artikel 7 Absatz 2 der Verordnung Nr. 492/2011 verstoßen hat;
- der Republik Österreich die Kosten des Verfahrens auferlegen.
Schlussanträge vom 20. 1. 2022 in der Rechtssache C-328/20
Generalanwalt Jean Richard de la Tour hat in seinen Schlussanträgen vom 20. 1. 2022 in der Rechtssache C-328/20, Europäische Kommission gegen Republik Österreich betreffend Indexierung von Familienbeihilfe, Kinderabsetzbetrag, Familienbonus Plus, Alleinverdienerabsetzbetrag, Alleinerzieherabsetzbetrag und Unterhaltsabsetzbetrag, ECLI:EU:C:2022:45, dem Gerichtshof vorgeschlagen, wie folgt zu entscheiden:
"1. Die Republik Österreich hat durch die Einführung eines Anpassungsmechanismus in Bezug auf die Familienbeihilfe und den Kinderabsetzbetrag für Erwerbstätige, deren Kinder ständig in einem anderen Mitgliedstaat wohnen, gegen ihre Verpflichtungen
- aus Art. 7 und 67 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit sowie
- aus Art. 4 der Verordnung Nr. 883/2004 und Art. 7 Abs. 2 der Verordnung (EU) Nr. 492/2011 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 5. April 2011 über die Freizügigkeit der Arbeitnehmer innerhalb der Union
verstoßen.
2. Die Republik Österreich hat durch die Einführung eines Anpassungsmechanismus in Bezug auf den Familienbonus Plus, den Alleinverdienerabsetzbetrag, den Alleinerzieherabsetzbetrag und den Unterhaltsabsetzbetrag für Wanderarbeitnehmer, deren Kinder ständig in einem anderen Mitgliedstaat wohnen, gegen ihre Verpflichtungen aus Art. 7 Abs. 2 der Verordnung Nr. 492/2011 verstoßen.
3. Die Republik Österreich trägt die Kosten.
4. Die Tschechische Republik, das Königreich Dänemark, die Republik Kroatien, die Republik Polen, Rumänien, die Republik Slowenien und die Slowakische Republik sowie das Königreich Norwegen und die EFTA-Überwachungsbehörde tragen ihre eigenen Kosten.
Urteil EuGH 16. 6. 2022, C-328/20
Der Gerichtshof der Europäischen Union entschied mit Urteil EuGH 16. 6. 2022, C-328/20, ECLI:EU:C:2022:468, im Vertragsverletzungsverfahren (die Indexierung nach der unterschiedlichen Kaufkraft in den einzelnen Mitgliedstaaten bzw. Vertragsstaaten wird dort als Anpassungsmechanismus bezeichnet):
1. Die Republik Österreich hat durch die - auf die Änderung von § 8a des Bundesgesetzes betreffend den Familienlastenausgleich durch Beihilfen vom 24. Oktober 1967 in der durch das Bundesgesetz, mit dem das Familienlastenausgleichsgesetz 1967, das Einkommensteuergesetz 1988 und das Entwicklungshelfergesetz geändert werden, vom 4. Dezember 2018 geänderten Fassung und von § 33 des Bundesgesetzes über die Besteuerung des Einkommens natürlicher Personen vom 7. Juli 1988 in der durch das Jahressteuergesetz 2018 vom 14. August 2018 und das Bundesgesetz, mit dem das Familienlastenausgleichsgesetz 1967, das Einkommensteuergesetz 1988 und das Entwicklungshelfergesetz geändert werden, vom 4. Dezember 2018 geänderten Fassung zurückgehende - Einführung eines Anpassungsmechanismus in Bezug auf die Familienbeihilfe und den Kinderabsetzbetrag für Erwerbstätige, deren Kinder ständig in einem anderen Mitgliedstaat wohnen, gegen ihre Verpflichtungen aus den Art. 4 und 67 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit sowie aus Art. 7 Abs. 2 der Verordnung (EU) Nr. 492/2011 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 5. April 2011 über die Freizügigkeit der Arbeitnehmer innerhalb der Union verstoßen.
2. Die Republik Österreich hat durch die - auf die Änderung von § 8a des Bundesgesetzes betreffend den Familienlastenausgleich durch Beihilfen vom 24. Oktober 1967 in der durch das Bundesgesetz, mit dem das Familienlastenausgleichsgesetz 1967, das Einkommensteuergesetz 1988 und das Entwicklungshelfergesetz geändert werden, vom 4. Dezember 2018 geänderten Fassung und von § 33 des Bundesgesetzes über die Besteuerung des Einkommens natürlicher Personen vom 7. Juli 1988 in der durch das Jahressteuergesetz 2018 vom 14. August 2018 und das Bundesgesetz, mit dem das Familienlastenausgleichsgesetz 1967, das Einkommensteuergesetz 1988 und das Entwicklungshelfergesetz geändert werden, vom 4. Dezember 2018 geänderten Fassung zurückgehende - Einführung eines Anpassungsmechanismus in Bezug auf den Familienbonus Plus, den Alleinverdienerabsetzbetrag, den Alleinerzieherabsetzbetrag und den Unterhaltsabsetzbetrag für Wanderarbeitnehmer, deren Kinder ständig in einem anderen Mitgliedstaat wohnen, gegen ihre Verpflichtungen aus Art. 7 Abs. 2 der Verordnung Nr. 492/2011 verstoßen.
3. Die Republik Österreich trägt neben ihren eigenen Kosten die der Europäischen Kommission entstandenen Kosten.
Die Tschechische Republik, das Königreich Dänemark, die Republik Kroatien, die Republik Polen, Rumänien, die Republik Slowenien und die Slowakische Republik sowie das Königreich Norwegen und die EFTA-Überwachungsbehörde tragen ihre eigenen Kosten.
Zurücknahme des Vorabentscheidungsersuchens vom 16. April 2020
Mit Beschluss BFG 18. 6. 2022, RE/7100001/2022 hat das Bundesfinanzgericht das mit Beschluss BFG 16. 4. 2020, RE/7100001/2020 an den Gerichtshof der Europäischen Union gemäß Art. 267 AEUV gestellte Ersuchen um Vorabentscheidung, ob die Indexierung von Familienleistungen durch den österreichischen Gesetzgeber nach der Kaufkraft in den einzelnen Mitgliedsstaaten bzw. Vertragsstaaten unionsrechtskonform ist, protokolliert zu C-163/20, gemäß Artikel 100 Abs. 1 Verfahrensordnung des Gerichtshofs der Europäischen Union und § 290 Abs. 3 BAO zurückgenommen.
Mit dem Urteil EuGH 16. 6. 2022, C-328/20, ECLI:EU:C:2022:468, veröffentlicht auf der Website des Gerichtshofs am selben Tag, habe der Gerichtshof der Europäischen Union im Vertragsverletzungsverfahren gemäß Art. 258 AEUV auch die Auslegung der Verträge im Sinne von Art. 267 AEUV klargestellt.
Die vom Gerichtshof der Europäischen Union mit Urteil EuGH 16. 6. 2022, C-328/20 getroffene Auslegung sei auch im Beschwerdeverfahren vor dem Bundesfinanzgericht zu RV/7101361/2020 zu beachten.
Eine Entscheidung gemäß Art. 267 AEUV im Verfahren C-163/290 durch den Gerichtshof der Europäischen Union sei daher im Beschwerdeverfahren vor dem Bundesfinanzgericht zu RV/7101361/2020 für die Entscheidung des Bundesfinanzgerichts nicht mehr erforderlich.
Zu Details siehe den den Parteien bekannten und in der FINDOK veröffentlichten Beschluss.
Mit Note vom 16. Juni 2022, beim Bundesfinanzgericht eingelangt am 21. Juni 2022, übermittelte der Kanzler des Gerichtshofs der Europäischen Union förmlich das Urteil in der Rechtssache C-328/20 "mit dem gleichen Gegenstand" wie das Vorabentscheidungsverfahren C-163/20 mit der Bitte um Mitteilung, ob im Hinblick auf dieses Urteil das Vorabentscheidungsersuchen noch aufrechterhalten werde, und bejahendenfalls um Angabe der Gründe hierfür. Im Hinblick auf die bereits mit Beschluss vom 18. Juni 2022, abgefertigt am 20. Juni 2022, erfolgte Zurücknahme des Vorabentscheidungsersuchens C-163/20 erübrigt sich eine gesonderte Mitteilung.
Mit Note vom 27. Juni 2022 wurde vom Kanzler des Gerichtshofs der Europäischen Union der Empfang des Beschlusses vom 18. Juni 2022 bestätigt und wurden die nationalen Prozessakten zurückgestellt.
Äußerung der Parteien
Mit Beschluss BFG 18. 6. 2022, RE/7100001/2022, der belangten Behörde zugestellt am 20. Juni 2022, dem Gerichtshof der Europäischen Union sowie der Bf jeweils zugestellt am 27. Juni 2022, wurde den Parteien auch Gelegenheit gegeben, sich zum Urteil EuGH 16. 6. 2022, C-328/20 zu äußern.
Innerhalb der vom Bundesfinanzgericht gesetzten Frist erfolgte keine Anmeldung einer Äußerung und auch keine Äußerung.
Das Bundesfinanzgericht hat erwogen:
Sachverhalt
Die Beschwerdeführerin ***1*** ***2*** wohnt mit ihrem Ehegatten und dem Vater ihrer Kinder, ***5*** ***2***, sowie ihren minderjährigen Kindern ***6*** ***2*** und ***5*** ***2*** in der Tschechischen Republik im gemeinsamen Haushalt. Die Mutter ***1*** ***2*** ist als Grenzpendlerin in Österreich beschäftigt, der Vater ***5*** ***2*** ist in der Tschechischen Republik beschäftigt.
Das Finanzamt Hollabrunn Korneuburg Tulln bzw. nunmehr das Finanzamt Österreich leistet an ***1*** ***2*** seit dem Jahr 2016 eine Unterschiedszahlung (Differenzzahlung bzw. Ausgleichszahlung) nach Art. 68 Abs. 2 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit (im Folgenden: Verordnung Nr. 883/2004) in Höhe des Unterschiedsbetrags zwischen dem Anspruch auf Familienleistungen in der Tschechischen Republik und jenem in Österreich.
Dieser Unterschiedsbetrag wurde vom Finanzamt Hollabrunn Korneuburg Tulln bis Dezember 2018 in Höhe von zuletzt insgesamt 374,80 Euro (238,00 Euro Familienbeihilfenanteil, 116,80 Euro Kinderabsetzbetragsanteil für die beiden Kinder) an ***1*** ***2*** (rückwirkend geblockt, danach monatlich) ausbezahlt.
Auf Grund der mit 1. Jänner 2019 in Kraft getretenen Bestimmungen von § 8a Familienlastenausgleichsgesetz 1967 (FLAG 1967) und § 33 Abs. 3 Z 2 Einkommensteuergesetz 1988 (EStG 1988) wurde die Zahlung an jenen Wert angepasst, der sich aus dem vom Statistischen Amt der Europäischen Union zum Stichtag 1. Juni 2018 veröffentlichten vergleichenden Preisniveau in Bezug auf das Verhältnis der Kaufkraft in der Tschechischen Republik im Verhältnis zu Österreich ergibt.
Das Finanzamt Hollabrunn Korneuburg Tulln bzw. nunmehr das Finanzamt Österreich zahlt seit Jänner 2019 einen Unterschiedsbetrag in Höhe von insgesamt 232,00 Euro (159,70 Euro Familienbeihilfenanteil, 72,30 Euro Kinderabsetzbetragsanteil für die beiden Kinder), d. h. um rund 140 Euro weniger als zuvor, an ***2*** monatlich aus.
Rechtsgrundlagen
Hinsichtlich der maßgeblichen Rechtsgrundlagen wird auf die Darstellung im Beschluss BFG 16. 4. 2020, RE/7100001/2020 sowie im Urteil EuGH 16. 6. 2022, C-328/20 verwiesen.
Standpunkte der Parteien
***1*** ***2*** beantragte beim Finanzamt Hollabrunn Korneuburg Tulln am 10. April 2019 die "volle nichtindexierte Ausgleichszahlung der Familienbeihilfe", da sie mit der Kürzung nicht einverstanden sei.
Das Finanzamt Hollabrunn Korneuburg Tulln wies mit Bescheid vom 17. Juli 2019 diesen Antrag unter Hinweis auf die nationale Rechtslage ab und legte die Beschwerde schließlich am 26. März 2020 dem Bundesfinanzgericht zur Entscheidung vor.
Beide Parteien haben eine Befassung des Gerichtshofs der Europäischen Union angeregt.
Entscheidung des EuGH
Der Gerichtshof der Europäischen Union wurde mit der Sache vom Bundesfinanzgericht mittels des Vorabentscheidungsverfahrens gemäß Beschluss BFG 16. 4. 2020, RE/7100001/2020 (Zahl C-163/20) und danach von der Kommission der Europäischen Union mittels Klage im Vertragsverletzungsverfahren INFR(2018)2372, beim EuGH eingelangt am 22. Juli 2020, befasst (Zahl C-328/20).
Der EuGH hat über die Klage der Europäischen Kommission gegen die Republik Österreich mit Urteil EuGH 16. 6. 2022, C-328/20 wie unter Verfahrensgang, Vertragsverletzungsverfahren, Urteil EuGH 16. 6. 2022, C-328/20 dargestellt entschieden.
Dazu führte er im Einzelnen unter anderem aus:
...
Zur Klage
29 Die Kommission stützt ihre Klage auf zwei Rügen. Die erste betrifft einen Verstoß gegen die Art. 7 und 67 der Verordnung Nr. 883/2004 und die zweite einen Verstoß gegen Art. 4 der Verordnung Nr. 883/2004 sowie gegen Art. 7 Abs. 2 der Verordnung Nr. 492/2011.
Zur ersten Rüge: Verstoß gegen die Art. 7 und 67 der Verordnung Nr. 883/2004
...
Würdigung durch den Gerichtshof
42 Zunächst ist festzustellen, dass die Familienbeihilfe und der Kinderabsetzbetrag, die Gegenstand der ersten Rüge sind, unstreitig Familienleistungen im Sinne von Art. 1 Buchst. z der Verordnung Nr. 883/2004 sind und dass diese Verordnung auf den Anpassungsmechanismus anwendbar ist, da sie für alle Rechtsvorschriften gilt, die Zweige der sozialen Sicherheit in Bezug auf Familienleistungen betreffen.
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Normen und Schlagworte
- Art. 7 Abs. 2 VO 492/2011, ABl. Nr. L 141 vom 27.05.2011 S. 1
- Art. 258 AEUV, ABl. Nr. C 83 vom 30.03.2010 S. 47
- Art. 45 AEUV, ABl. Nr. C 83 vom 30.03.2010 S. 47
- Art. 45 Abs. 1 AEUV, ABl. Nr. C 83 vom 30.03.2010 S. 47
- § 8a FLAG 1967, Familienlastenausgleichsgesetz 1967, BGBl. Nr. 376/1967
- § 33 Abs. 3 Z 2 EStG 1988, Einkommensteuergesetz 1988, BGBl. Nr. 400/1988
- Art. 267 AEUV, ABl. Nr. C 83 vom 30.03.2010 S. 47
- Art. 7 VO 883/2004, ABl. Nr. L 166 vom 30.04.2004 S. 1
- Art. 5 VO 883/2004, ABl. Nr. L 166 vom 30.04.2004 S. 1
- Art. 67 VO 883/2004, ABl. Nr. L 166 vom 30.04.2004 S. 1
- § 8 Abs. 3 und 4 FLAG 1967, Familienlastenausgleichsgesetz 1967, BGBl. Nr. 376/1967
- § 33 Abs. 3 EStG 1988, Einkommensteuergesetz 1988, BGBl. Nr. 400/1988
- Art. 68 Abs. 2 VO 883/2004, ABl. Nr. L 166 vom 30.04.2004 S. 1
- Art. 4 VO 883/2004, ABl. Nr. L 166 vom 30.04.2004 S. 1
- Art. 3 Abs. 1 VO 1408/71, ABl. Nr. L 149 vom 04.07.1971 S. 2
- § 11 FLAG 1967, Familienlastenausgleichsgesetz 1967, BGBl. Nr. 376/1967
- § 12 FLAG 1967, Familienlastenausgleichsgesetz 1967, BGBl. Nr. 376/1967
- § 13 Satz 2 FLAG 1967, Familienlastenausgleichsgesetz 1967, BGBl. Nr. 376/1967
Herkunft
Herkunft dieses Textes
- Bestand
- BFG-Entscheidungen
- Dokumenttyp
- Bescheidbeschwerde - Einzel - Erkenntnis
- Geschäftszahl
- RV/7101361/2020
- ECLI
- ECLI:AT:BFG:2022:RV.7101361.2020
- Stammnummer
- 137077
- Gültig
- 07.07.2022 bis auf Weiteres
- Stand Bestandsliste
- 25.09.2026 06:13
- Von uns abgerufen
- 26.09.2026
- Quelle
- Findok – Finanzdokumentation des Bundesministeriums für Finanzen
- Lizenz
- CC0 1.0 — gemeinfrei gewidmet vom BMF